Ein Mensch ist, nach Meinung klassischer Deutscher, durch den Besitz eines freien Willens ausgezeichnet und fähig zur Selbstbestimmung. Ein Schüler hingegen ist dessen gar nicht fähig, ja, nicht einmal zur Mitbestimmung kann man ihn zulassen, allenfalls zur Mitverantwortung. Das muß auch so sein; denn ein Schüler ist kein Mensch, er ist vielmehr etwas Amöbenartiges, Formloses, einem Pflänzlein ähnlich, das im Gärtlein des Pädagogen und im wohlbehüteten Blumenkasten des Elternhauses begossen, gepflegt und gepäppelt werden muß. Ein Schüler wird geformt und herangebildet, ihm werden Inhalte vermittelt und Formen aufgeprägt, kurz: ein Schüler ist Material. Pädagogisches Rohmaterial. Diese Definition jedenfalls bietet sich an, wenn man das Bild des Schülers in der pädagogischen Literatur nicht mehr ganz neuen Datums seit Platon sucht; und diese Definition faßt eine Ideologie zusammen, die in ministeriellen Erlassen und in deutscher Schulpraxis ihre Lebenskraft täglich neu bezeugt.

Indessen haben Pädagogen wie der Göttinger Professor Hartmut von Hentig, haben Schüler und neuerdings auch einige Lehrer die unerhörte Behauptung aufgestellt, auch Schüler seien zur Selbstbestimmung fähig. Diese Leute meinen, Schüler und Lehrer müßten bei einer Schulreform ein Mitspracherecht haben, sie wollen bewährte Einrichtungen wie den Gemeinschaftskundeunterricht und gar den Deutschunterricht verändern, werfen der demokratischen, will sagen: der freiheitlich-demokratischen Schülermitverwaltung (SMV) vor, sie sei funktionsunfähig und diene nur der Manipulation der Schüler durch die Herrschenden, und sie bedienen sich überhaupt des Apo-Vokabulars. Die Dachorganisation der bundesdeutschen Schüler, die nicht mitverantworten wollen, was in unseren Schulen geschieht, das sogenannte "Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler" (AUSS), führt sogar die Vokabel "sozialistisch" in ihrem Titel, eine ungeheuerliche Anmaßung, wenn man bedenkt, daß Karl Marx über revolutionäre Schüler nichts gesagt hat. Das AUSS also, 1967 gegründet, erfreut sich inzwischen beträchtlichen Zulaufs und war schon Gegenstand zahlreicher Presse- und Rundfunkpublikationen; Bücher indessen gibt’s darüber weniger. – Im November 1968 erschien:

Günter Amendt (Hrsg.): "Kinderkreuzzug oder Beginnt die Revolution in den Schulen?"; rororo Aktuell 1153, Reinbek, 3. Aufl. Januar 1969; 200 S., 2,20 DM

mit Beiträgen von Peter Brandt (einem Sohn des Bundesaußenministers), Hanjo Breddermann, Günter Degler, Ezra Gerhardt, Stefan Rabe und Ilan Reisin. Das Buch bietet auf weiten Strecken die Strategie und Taktik der antiautoritären Schülerbewegung und gehört unter den Arm eines jeden Beamten der Politischen Polizei. Außer für diese Fachleute und die etablierte Apo war das Buch von der Terminologie und Themenwahl her geeignet, jeden abzuschrecken, der nicht ohnehin schon über die Problematik informiert ist. Rühmliche Ausnahmen: die Arbeiten von Stefan Rabe über die Schülermitverwaltung und von Hanjo Breddermann über die Sexualaufklärung.

Nun ist zwar nichts dagegen zu sagen, wenn die Apo ihre interne Diskussion bei Rowohlt veröffentlicht; es mag aber füglich bezweifelt werden, ob die Theorie einer sich als revolutionär verstehenden Bewegung auf Allgemeinverständlichkeit verzichten kann; das gilt für die Problemstellung wie für die Sprache. Methodisch anfechtbares Soziologisch und revolutionäres Waschmittel-Pathos führen allenfalls zur theoretischen Inzucht und erreichen nur die, die ohnehin erreicht sind. Eine esoterische Sprache ist eben nicht bloß Resistenz gegen Integrationsversuche, wie Amendt meint. – Jene Zutaten, die es der bürgerlichen Presse erleichtern, Unverständnis zu heucheln, fehlen jedoch in der Schrift:

Hans Jürgen Haug/Hubert Maessen: "Was wollen die Schüler: Politik im Klassenzimmer"; Fischer Bücherei - Informationen zur Zeit 1013. Frankfurt 1969: 160 S., 2.80 DM.

Dieses Büchlein hat zwar einen werbewirksam gestalteten Einband, aber wie meistens bei Fischer kein Sachwortregister. Auf ein Literaturverzeichnis haben die Autoren ebenfalls verzichtet, so daß die zitierte Literatur bloß in Fußnoten abgehandelt wird. Für diese formalen Mängel entschädigt aber eine gut lesbare Darstellung, obwohl es den Autoren nicht immer gelingt, revolutionäres-Pathos zu vermeiden (mankann auch revolutionär sein, ohne pathetisch zu werden, weniger Schiller, mehr Brecht).