Von Marie-Luise Scherer

Berlin

Die Leute von Waldshut, deren Mentalitätsmerkmal mit „Sinn für Gerechtigkeit, Ordnung und Stetigkeit“ umschrieben wurde, sollen Beate Klarsfeld im Juni kennenlernen. Hier, in Kiesingers Wahlkreis 188, will sich seine Biographin, die sich ihre Suche nach Vergangenheitslücken schon viel Geld kosten ließ, für vier Wochen niederlassen. Sie werde, weil Gasthöfe zu teuer sind, bei Gesinnungsfreunden wohnen, sagt sie, ihren dreieinhalbjährigen Sohn Arno dabei haben und einen Vor-Wahlkampf der kleinen Kontakte starten.

Beate Klarsfeld hatte die Genossen der „Aktion Demokratischer Fortschritt“ (ADF) darum gebeten, sie in diesem Wahlkreis (188 Gemeinden, 200 000 Einwohner) als Gegenkandidatin des Bundeskanzlers aufzustellen. Und es scheint ihr weniger daran gelegen, von den Waldshutern den ideologischen Sprung, von der CDU zur noch gründungswarmen linken ADF zu erbitten, als den Wählern Neues über Kiesinger zu erzählen. Nicht für ein Zukunfts-Image der AFD möchte sie Kräfte lassen, als vielmehr die Restaurierung des Kiesinger-Bildes besorgen: Unter der Übermalung originale braune Töne zeigen.

Von Tür-zu-Tür-Arbeit erwartet sie, „daß bei den kommenden Bundestagswahlen wenigstens sieben Prozent weniger für Kiesinger stimmen“. Bei diesem „APO-Wahlkampf“ würden ihr Studenten aus Tübingen, Esslingen, Freiburg und vielleicht auch Stuttgart helfen: „Wir sind dort, wo Kiesinger ist, im Saal oder draußen.“

Am Mittwoch vergangener Woche hatte die 30jährige Beate Auguste Klarsfeld, geborene Künzel, ihren Wiederholungsprozeß vor der 33. Kleinen Strafkammer des Moabiter Schwurgerichts in Berlin. Diesmal sollte ihr Schlag ins Gesicht des Bundeskanzlers die Chance haben, öffentlich verhandelt zu werden. Und wenn möglich nicht nur der Schlag, sondern auch seine Motive. Die leichte Bindehautreizung im linken Auge, die sich Kurt Georg Kiesinger am 8. November 1968 um 10 Uhr 50 auf dem CDU-Parteitag in der Berliner Kongreßhalle durch diese Ohrfeige zuzog, wurde auch auf ihr Gehalt an seelischer Verletzung abgetastet. Damals, sieben Stunden nach der „körperlichen und seelischen Schmerzzufügung“ verurteilte ein Berliner Schnellgericht Beate Klarsfeld zu einem Jahr Gefängnis. Doch auch bei der Revisionsverhandlung empfand der Vorsitzende, Landgerichtsrat Taegener, daß diese Beleidigung, bei der die „Ahnungslosigkeit des Geschädigten“ voll ausgenutzt wurde, unvergleichbar sei mit Beleidigungen „im täglichen Leben der menschlichen Gemeinschaft“.

Für die beiden Verteidiger, Horst Mahler und Egon. J. Geis, liegt die Delikatesse des Falles darin, daß die zur Ohrfeige hörbar gerufenen Worte „Nazi, Nazi, Nazi“ bisher nicht Thema der Anklage werden konnten. Der Berliner Mahler, Spezialist für linksmotivierte Anklagefälle, strich immer wieder den „übergesetzlichen Notstand“ heraus; die Ohrfeige als einzige Möglichkeit, Öffentlichkeit zu mobilisieren, die Tatsachen über Kiesinger, die Frau Klarsfeld die Hand geführt hätten.