Herr Dr. Harald Koch, dessen Kollegialität und Loyalität ich während unserer gemeinsamen Tätigkeit im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung besonders schätzen gelernt habe, attackiert in seinem Brief an DIE ZEIT vom 18. April 1969 unter anderem die Vermutungen, die Willi Bongard über die Gründe meiner Amtsniederlegung geäußert hat. Er bezeichnet diese Vermutungen als unrichtig und erklärt, auf Grund dieser und anderer Äußerungen von Mitgliedern des Sachverständigenrates "sollte nun endgültig feststehen, daß bisher ... kein Mitglied des Rates an der Abgabe eines Minderheitsgutachtens gehindert wurde". Diese Erklärung zwingt mich, meine bisherige Zurückhaltung aufzugeben und meinerseits, als meine persönliche Ansicht festzustellen:

Der Sachverständigenrat hat während meiner Zugehörigkeit im Sommer 1968 rechtswidrige Beschlüsse über den zulässigen Inhalt von Minderheitsvoten gefaßt und rechtswidrig Sitzungen ohne Ladung der Minderheit veranstaltet. Durch dieses Verhalten und andere diskriminierende Praktiken sah ich mich gehindert, meine nach bestem Wissen und Gewissen gebildete Meinung dem Gesetzesauftrag entsprechend im Gutachten des Rates angemessen zum Ausdruck zu bringen. Deshalb habe ich mein Amt am 19. September 1968 niedergelegt.

Ob diese Feststellung Teil einer "Legende" oder die Wahrheit ist, kann nicht durch Abgabe einseitiger Erklärungen entschieden werden. Mehr wäre geleistet, man verschaffte einer neutralen Stelle oder der Öffentlichkeit die Möglichkeit, die Vorgänge im einzelnen, insbesondere an Hand der Protokolle und der Korrespondenz des Rates kennenzulernen. Die genannten Unterlagen sind nur solange "vertraulich", wie der Rat nicht die Vertraulichkeit aufhebt. Dazu genügt ein einfacher Beschluß. Wie ernsthaft dem Sachverständigenrat daran liegt, "Legenden" zu zerstören und die Wahrheit zutage treten zu lassen, wird man daran ermessen können, ob der Sachverständigenrat einen derartigen Beschluß faßt oder gleichwertige Schritte unternimmt.

Ich freue mich, daß ich mich mit Herrn Dr. Koch und allen Ratsmitgliedern, in deren Namen er seine Erklärung abgegeben hat, zumindest in einem Punkt nach wie vor in voller Übereinstimmung fühlen kann: in der gemeinsamen Antipathie gegen "Legenden".