Nach einer kurzen, aber heftigen Aufwallung gegenseitigen Mißbehagens, die der Bundesparteitag der SPD und die Reaktion der Unionsparteien verursacht hatten, fand die Große Koalition zu sachlicher Arbeit zurück. Bonn schien einer "Woche der heißen Eisen" entgegenzugehen. Ihre Brennpunkte: Am Mittwoch Kabinettssitzung mit den Themen Atomsperrvertrag, Verjährung, NPD-Verbot; am Freitag Debatte des Bundestages über eine große Anfrage der FDP zur Deutschlandpolitik.

Die Woche begann mit einer angenehmen Überraschung: Der parlamentarische Vermittlungsausschuß beschloß am Montag mit 18 gegen drei Stimmen bei einer Enthaltung eine Kompromißformel zur Finanzverfassungsreform. Sie hat die bisher größten Aussichten, sowohl vom Bundestag als auch vom Bundesrat verabschiedet zu werden.

Zur Entspannung zwischen den Koalitionspartnern trug auch bei, was der Stellvertretende Regierungssprecher Ahlers ankündigte: Über den Atomsperrvertrag werde es im Kabinett zu keiner Kampfabstimmung, wohl aber zu einer "ausführlichen und eventuell abschließenden Würdigung" kommen.

Auch glaubte niemand mehr in Bonn, das Kabinett werde einen Verbotsantrag gegen die NPD beschließen, zumal die Unionsparteien für diesen Fall Schritte gegen die DKP und den SDS angekündigt hatten. Nur in der Verjährungsfrage deutete sich die Möglichkeit einer sachlichen Konfrontation an: Bundeskanzler Kiesinger wünscht – im Gegensatz zum Gesetzentwurf seines neuen Justizministers und Heinemann-Nachfolgers Ehmke – eine "differenzierte Lösung".

Nach allem wurde im Ältestenrat, der am Montag das Wochenpensum des Bundestages vorbereitete, von "Koalitionsstörungen" nichts mehr bemerkt. Denn auf dem Bundesparteitag der SPD vorige Woche in Bad Godesberg hatte die Parteiführung die deutschlandpolitische Avantgarde von Hessen-Süd und Schleswig-Holstein geschickt abgefangen: Dem Drängen nach "normalen Beziehungen" zur DDR setzte sie den Satz entgegen: "Die DDR ist für uns kein Ausland... Es wäre aber wirklichkeitsfremd, die staatliche Existenz des anderen Teils Deutschlands zu leugnen oder nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen."

Am Montag wurde schließlich bekannt, wie die Bundesregierung auf die Forderung der FDP nach einem Generalvertrag zu antworten gedachte: Sie halte einen solchen Vertrag im Prinzip für möglich, aber momentan nicht für zweckdienlich.

Da auch der FDP-Fraktionsgeschäftsführer Genscher schon zuvor von einer theoretischen Anerkennungsdiskussion abgeraten hatte, drohte auch aus der Deutschlanddebatte des Bundestages der Dampf zu entweichen. Bonns "heiße Eisen" waren abgekühlt.