Von Jürgen Werner

Antikes Gedankengut bildete die Einleitung zu einem der faszinierendsten Sportereignisse dieses Jahres. Am Portal der Haupttribüne des Hampden Park Stadions in Glasgow stand als Wahlspruch im Wappen des Amateurklubs Queen’s Park Rangers, Besitzer dieses Stadions: Queen’s causa ludendi". Eine Maxime, die im krassen Widerspruch zu den Intentionen der 22 Akteure stand, die mit dem 1:1 für Schottland oder Deutschland die Qualifikation zur Fußballweltmeisterschaft 1970 in Mexiko erkämpfen wollten. Ein schottischer Journalist formulierte diesen Ausspruch mit den Worten: "We will present a united front to the Germans and have only a common desire that Scotland will win." Auch das Vokabular deutscher Reporter ließ selbst Laien ahnen, daß ein Drama antiker griechischer Prägung bevorstand.

Für beide Mannschaften schlug die Schicksalsstunde, die zugleich die Stunde der Wahrheit war. Der Prolog zu diesem Schauspiel war aufregend genug, denn alle Akteure waren ausführlich in Wort und Bild dem schottischen und deutschen Publikum präsentiert worden. Tägliche Bulletins – sonst nur Staatsoberhäuptern gewidmet – informierten detailliert über Aktionen und Reaktionen der Herren auf beiden Seiten. Haller und Schnellinger, hochdotierte Stars in Italien, sollten Hauptrollen übernehmen, die infolge Verletzungen der in deutschen Klubs spielenden Protagonisten, wie etwa Netzer von Mönchengladbach oder der Absage Uwe Seelers, nicht anders zu besetzen waren.

Auch die Schotten mußten improvisieren, da Collin Stein, ein für 100 000 Pfund von einem englischen Klub nach Schottland transferierter Mittelstürmer, gesperrt worden war und Hughe, der Rahn Schottlands, verletzt zusehen mußte. Ein Linksaußen, der nach Aussagen von Kritikern der Mann sein sollte, der imstande war, "to blow the World Cup trumpet".

Die Regisseure beider Ensembles, Helmut Schön auf deutscher, Bobby Brown auf schottischer Seite, fungierten nur noch als Katalysatoren: Sie beschleunigten die Verbindung der Spieler untereinander, deren Interessen in diesem Fall mit ihren kongruierten. Dieser Hinweis impliziert die ganze Problematik beider Teamchefs.

Der letzte Auftritt der deutschen Mannschaft gegen Wales in Frankfurt – 1:1 –, einem Gegner provinzieller Provenienz, vergleicht man ihn mit der Reputation der schottischen Fußballer, hatte düstere Prognosen provoziert. Dabei wurde völlig übersehen, daß man hochqualifizierten Artisten zugemutet hatte, eine Vorstellung zu absolvieren, die für sie allein statistischen Wert besaß, ohne daß sich, die Teilnehmer engagieren wollten.

Ein Freundschaftsspiel ludendi causa – ist von der Idee her anachronistisch für Spieler, die die erste Person Singular – durchaus legitim – zum Ausgangspunkt aller sportlichen Reflexion gemacht haben. Das Schauspiel in Glasgow aber bot für alle Spieler – gestützt auf ökonomische Interessen, nationale Emotionen und sportliche Ambitionen – eine ideale Bühne "to play their part". Helmut Schön koordinierte diese Interessen und hatte damit eine Mannschaft. Diese Argumentation schließt keineswegs die Begeiste-Argumentation aus, nur legt sie die Motivation eindeutig fest. Das, was heute so gern mit dem Schlagwort der "Einstellung der Spieler" umschrieben wird, findet hierin seine Erklärung.