Von Horst Krüger

Der Veranstalter war etwas sorgenvoll, beinah bekümmert. Er saß in dem neuen, strahlenden Haus, einem Hochhaus für Höheres, modern und luftig gebaut, eine richtige Akademie im Grünen zum immerwährenden Diskutieren – aber die Gäste kamen nur spärlich, tröpfchenweise. So sind eben die deutschen Schriftsteller, sind sie nicht so? Aufrührerisch, widerborstig auf dem Papier, aber wenn man dann sagt: Sonnabend um 14 Uhr, da treffen wir uns mit den Politikern, den Männern der Macht, da könnt ihr ihnen einmal eure Quittungen präsentieren – dann kommen sie nicht. Dann bleiben sie lieber zu Hause, haben Krankheit, den Geburtstag der Tochter, eine Terminarbeit, die sie plötzlich verhindert. Leider, telegraphieren sie, leider nein, im Prinzip aber immer ja. Einige sind gar beleidigt. Einer schrieb tatsächlich: auch CSU-Politiker? Mit so etwas setzt man sich nicht an einen Tisch.

Plötzlich, während man so herumsaß im hohen Glashaus, veränderte sich das Gesicht des Veranstalters. Es kam etwas Angestrengtes und Blinzelndes hinein; die scharfen Züge der Kurzsichtigen, die in der Ferne etwas Wichtiges ausmachen, ein Wild zum Beispiel, einen kapitalen Hirsch?

Der Veranstalter lehnte sich vor, blinzelte noch einmal und sagte dann leise, und in dieser Zurückgenornmenheit lag schon der Ton vollkommener Befriedigung: "Grass ist eben gekommen. Da vorne an der Rezeption steht er ja."

Lockerung, Entspannung, Zuversicht. Es war wie eine Schlacht, die nun schon entschieden war, obwohl sich gar nichts änderte. Grass kam, schüttelte viele Hände. Er sah wieder genau so aus, wie alle Welt sich Grass vorstellt. Man ist immer wieder verblüfft darüber. Andere verändern sich oft, sehen einmal jünger, dann gealtert, einmal frisch, ein andermal ziemlich erschöpft aus. Man denke nur an die vielen Gesichter, die etwa Böll, Enzensberger oder Adorno haben: Kindergesichter, Schalkgesichter, traurig, ironisch, manchmal auch zornig. Grass – das ist die perfekte Identität von Individualität und Image. Ein Reklamebild, das immer stimmt. Er sieht tatsächlich so aus, wie ihn die Massenmedien reproduzieren. Sehr individuell, etwas fremdartig, und in beidem ungemein einprägsam, wie ein Wappentier. Fast hat er etwas von der Ausgereiftheit eines hervorragenden Markenartikelzeichens. Nationale Repräsentanz schwingt da mit, etwa wie bei dem Mercedes-Stern. Den kennt man auch überall in der Welt und weiß, was man daran hat.

Kleinigkeiten fielen mir auf. An den Mundwinkeln hängen die Barthaare jetzt noch etwas kräftiger, strähniger nach unten. Ein Zug ins Martialische und Gewaltsame kommt dadurch in das Gesicht. Die Haut schien mir gelblicher, etwas lederner. Sind das die Zigaretten, die er sich, nicht nur in Augenblicken, wenn es spannend wird, umständlich-bescheiden selber dreht? Ist das der Kampf für die SPD? In die kleinen Augen kommt manchmal etwas Scharfes, Stechendes. Bei aller Kraft und Vitalität, die man kaschubisch nennt (darin habe ich wenig Vergleichsmöglichkeiten), wirkt er doch überraschend bürgerlich: höflich, korrekt, überschaubar. Er hat so gar nichts von der gespreizten Attitüde der Eitelkeit, die doch bekanntermaßen die Berufskrankheit der Schriftsteller sein soll. Kein Narziß schimmert da durchs Hemd. Sein Ruhm ist ihm nicht zu Kopf gestiegen, obwohl er auf eine unübersehbare Art weiß, wer er ist und was er will. Dabei ist ein Zug ins Ordentliche, Gesetzte, beinah Altväterliche spürbar, zum Beispiel beim Gehen. Er geht älter, als er ist.