Von Ernst Weisenfeld

Paris, im April

Noch nie ist bei einer Wahl oder einer Volksabstimmung in Frankreich so ernsthaft die Frage nach Rücktritt oder Verbleib von General de Gaulle aufgeworfen worden wie jetzt am 27. April beim Referendum über Regionalverfassung und Senatsreform. Nie schien auch die Nachfolge so gesichert wie heute. Vielleicht wird auch die innenpolitische Lage nie wieder so günstig für einen gaullistischen Nachfolger sein wie unter den augenblicklichen Umständen. Anhänger und Gegner der V. Republik sind sich darin einig, daß bei einem Rücktritt de Gaulles kein anderer Kandidat soviel Aussichten hätte wie der frühere Premierminister Georges Pompidou.

Für einen Erfüllungsgehilfen de Gaulles hielt man Pompidou schon nicht mehr, als er letztes Jahr die Pariser Mai-Unruhen durchstand und dann nach einem außerordentlichen Wahlsieg abtreten mußte. Mit Pompidous glorreichem, aber erzwungenem Abgang vom zweiten Platz in der Hierarchie der Macht nahm das Verhältnis zwischen ihm und dem General zwiespältige Züge an. Der jetzt zu Ende gehende Wahlkampf trug noch einmal ein zweideutiges Element in ihre Beziehungen hinein. Pompidou ficht im Wahlkampf für den Sieg de Gaulles und seiner Reform. Aber – so fragt sich jeder – liegt nicht eigentlich die Niederlage in seinem Interesse, seit es immer klarer wird, daß sich ein Teil der "Nein"-Stimmen nicht gegen den Grundgedanken der Reform richten wird, sondern gegen den Regierungsstil des Generals?

Der ehemalige Premierminister mußte schließlich seinen Wahlkampf mehr und mehr gegen den Verdacht führen, er sage zwar "ja", meine aber "nein". Natürlich kann an der Loyalität Pompidous gegenüber de Gaulle nicht gezweifelt werden. Aber in mehreren Phasen ihrer Zusammenarbeit ist doch deutlich geworden, daß die Unterschiede des Temperaments, der Herkunft und der Lebensart, des Alters und der Entwicklung auch zu Meinungsverschiedenheiten geführt haben und daß sie – und nicht der Wunsch, Pompidou als "Reserve der Republik" zu erhalten – zur Trennung führten.

Ein Fall, in dem Pompidou mit einer Rücktrittsdrohung seine Meinung durchsetzen mußte, ereignete sich 1962, nach dem Generalsputsch in Algier. De Gaulle wollte damals das Todesurteil an General Jouhaud vollstrecken lassen. Er verlangte die Exekution so dringlich, weil er empört darüber war, daß ein anderes Kriegsgericht den Haupträdelsführer, General Salan, mit lebenslänglicher Haft hatte davonkommen lassen. Pompidou dagegen fand es absurd, den zweiten Mann zu erschießen und den ersten zu schonen, setzte sich aber erst durch, als das Exekutionspeloton schon seine Befehle erhalten hatte.

Es sprachen auch einige Hinweise dafür, daß Pompidou in der Behandlung der englischen EWG-Kandidatur eigentlich anders dachte als de Gaulle und daß auch die Einstellung, mit der er nach Moskau fuhr, um eine Nuance anders war als die des Elysee-Palastes. Aber in außenpolitischen Fragen respektierte Pompidou immer uneingeschränkt den Willen des Generals.