Rechnen, zählen, Klötzchen schätzen – So sucht ein Konzern Führungskräfte für den Verkauf

Von Willi Herzog

Frau Müller achtet darauf, daß niemand mogelt. Wir sind fünf Männer und sitzen über einem Test; er soll helfen zu klären, ob wir geeignet sind, für eine große Mineralölfirma in gehobenerPosition zu arbeiten. Frau Müller hat es nicht schwer mit uns. Denn obwohl wir nicht miteinander um ein und denselben Job konkurrieren, sagt niemand dem anderen vor. Und wenn derKurzzeit-Wecker rasselt, hört jeder brav auf, legt, den Stift weg und wartet, bis Frau Müller das Startzeichen für den nächsten Teil des Tests gibt.

Gleich im ersten stehen wir unter Zeitdruck. "Dabei wird eine Streßsituation simuliert", erläuterte mir später Dr. Rettich von der Personalabteilung, "wir wollen damit ganz einfach die Belastbarkeit der Bewerber testen."

Binnen fünfzehn Minuten sollen wir 25 Aufgaben etwa dieser Art lösen: "Ein Kaufhaus kauft für den Schlußverkauf Mäntel zu je dreißig Mark im Großhandel. Er verkauft diese für vierzig Prozent über dem Großhandelspreis. Wie hoch ist der Verkaufspreis eines Mantels?" Die Aufgabe hätte natürlich auch lauten können: Wieviel sind vierzig Prozent von dreißig Mark? Aber dann wäre womöglich die Streß-Situationnicht entstanden und der ganze Test für die Katz; denn eine Streßsituation entsteht unter anderem gerade dadurch, daß völlig überflüssige Informationengegeben werden: "... für den Schlußverkauf... im Großhandel." Klar: Der Prüfling soll zeigen, daß er sich durch überflüssiges Geschwätz nicht ablenken läßt.

Daß es in diesem ersten Testteil viele Prozentrechenaufgaben gibt, ist keinZufall. Wir werden immerhin auf unsere Verwendbarkeit für den Verkauf geprüft. In einer 18 mal 18 Zentimeter großen Anzeige hatte die Firma "Diplom-Kaufleute,Diplom-Volkswirte, und Betriebswirte (grad.)" gesucht; denn: "Wachsender Energiebedarf und technischer Fortschritt stellen die Esso-Organisation vor neue große Aufgaben."

Fast hundert Bewerber haben sich auf diese Anzeige gemeldet. Heute dürfen sich vier Mann, adrett angezogen, per-• sönlich vorstellen (ich, der fünfte, bin kein "richtiger" Bewerber, aber das wissen die richtigen Bewerber nicht).