Seit zwei Jahren hält sich die Diktatur der griechischen Obristen im Sattel. Doch der Widerstand im Volke ist nicht erlahmt. Dies dokumentieren die hier veröffentlichten Beiträge: ein Brief, den der Widerstandskämpfer Wassilis Filias aus dem Athener Averoff-Gefängnis geschrieben hat, dazu ein Kommentar von dem aus Athen ausgewiesenen Korrespondenten Baldur Bockhoff, schließlich ein kurzer Auszug aus einem WDR-Interview mit Andreas Papandreou, dem Vorsitzenden der im Ausland residierenden "Panhellenischen Befreiungsfront".

Im Frühjahr 1968 wurde mir gesagt, ich solle einen "führenden Mann des Widerstandes" kennenlernen. Kein Name wurde vorher genannt, nur das Datum und der Treffpunkt: eine Autobushaltestelle außerhalb Athens. Ich hatte mich zu kleiden wie zu einem Badeausflug. Der Grieche erschien mit Schirmmütze, Sonnenbrille, heller Leinenhose, Gummisandalen, auf dem Rücken ein Tragbeutel, aus dem demonstrativ Schwimmflossen und Schnorchel ragten. Er begann erst zu sprechen, als wir, viele Kilometer außerhalb Athens, in den heißen, kahlen Felsen eines menschenleeren Küstenstrichs saßen: daß er seit Oktober vergangenen Jahres gesucht werde und sich bei Freunden, in den Bergen, irgendwo am Strand verborgen halte.

Wir schwammen ins Meer hinaus. Erst dann machte er mir seine Analyse der griechischen Gesellschaft und des Militärregimes. Widerstand? Er wußte nur zu berichten – oder wollte nur wissen –, daß er kaderartig erfaßt sei, aber daß aus Sicherheitsgründen niemand etwas über Größe, Aufgabenverteilung und Struktur Genaueres erfahre.

Am 29. Juni 1968 wurde Wassilis Filias zufällig gefangen. Seit diesem Tag ist er inhaftiert, zunächst für einige Monate in den gefürchteten Kerkern des Sicherheitsdienstes, danach im Averoff-Gefängnis. Bis heute ist nicht einmal der Termin für ein Verfahren in Sachen Filias bekannt. Die Militärdiktatur macht ihre Schauprozesse, wann und wie sie will.

Wassilis Filias ist 42 Jahre alt. Er hat in Athen Jura und in München Philosophie und Soziologie studiert und beide Studien mit Diplomen abgeschlossen. In Hamburg promovierte er mit einer Arbeit über Max Weber, hernach erhielt er einen Lehrauftrag an der Technischen Hochschule Athen. 1967 wurde er, inzwischen habilitiert, Abteilungsleiter am Institut für Soziologische Forschung in Athen. Als Mitglied der Alexander-Papanastasiou-Gruppe, deren Ziel die Modernisierung Griechenlands und sein Anschluß an westeuropäische Entwicklungen war, gehört Filias zu jener Gruppe exzellent gebildeter und ausgebildeter junger Intellektueller, die heute, obwohl sie zu den besten Köpfen ihres Landes zählen, verfolgt werden, weil sie nur in der Liberalisierung und Demokratisierung der griechischen Gesellschaft eine Chance für die Zukunft sehen.

Den hier auszugsweise abgedruckten Brief, der sich mit den Chancen für eine Widerstandsbewegung gegen die Militärdiktatur beschäftigt, hat Filias aus dem Averoff-Gefängnis herausschmuggeln können.

Die Widerstandsbewegung in Griechenland befindet sich in der Tat in einer heiklen Situation. Der Terror des Regimes arbeitet mit Stichprobe und Schrecken: Von Zeit zu Zeit werden willkürliche Exempel statuiert, die vielen Prozesse und die dabei verhängten Strafmaße beweisen es. Das Spitzelwesen ist stark ausgebaut. Soll der Widerstand dem Terror mit Gegenterror begegnen oder nicht? Zum einen sind die Intellektuellen, die fast ausschließlich zur Opposition gehören, keine Terroristen. Zum anderen würden Terroraktionen die um "Ruhe und Ordnung" bemühten westlichen Alliierten weiter im Sinne der Obristen aktivieren und der Diktatur in die Hand spielen.