Von Theo Sommer

Es gab eine Zeit, da konnte Charles Bohlen, einer der gründlichsten amerikanischen Rußlandkenner, seinem Präsidenten mit aller Bestimmtheit erklären: "Die Rote Armee hat in der Sowjetunion ungefähr soviel zu sagen wie in den Vereinigten Staaten die Heilsarmee." Heute vermöchte er das guten Gewissens nicht mehr zu behaupten. Im Augenblick haben die roten Militärs Oberwasser, der Primat der Politik ist angeschlagen. Wie es ein jüngerer amerikanischer Sowjetexperte, der Journalist Anatole Shub, Ende voriger Woche ausdrückte: "Niemals, das offenbart die Absetzung Alexander Dubčeks, haben die Marschälle der Sowjetunion im kommunistischen Rußland eine größere Machtfülle besessen als heute."

Der Mann, in dem sich diese Machtfülle personifiziert, ist Andrej Antonowitsch Gretschko, seit 1955 Marschall der Sowjetunion, seit 1967 Moskauer Verteidigungsminister. Ihm gelang binnen zehn Tagen im April, was die politische Führung auf unzähligen Konferenzen während eines ganzen Jahres nicht zuwege gebracht hatte: die Unterwerfung der unbotmäßigen Tschechoslowakei unter den Willen der harten Kremlfraktion. Mit unerbittlichen Ultimaten zwang er die Prager Reformkommunisten in die Knie.

Der Triumph des Marschalls hat die Hoffnung zunichte gemacht, im Kreml könnte sich jene Richtung durchsetzen, die den Einmarsch in die Tschechoslowakei für einen Fehler hielt und die bereit schien, ihn nachträglich durch eine Politik der leichten Hand wieder wettzumachen. In Belgrad, wo die Windungen und Wendungen der sowjetischen Politik mit besonderer Sorgfalt vermerkt werden, hieß es vor acht Wochen noch, die "Gemäßigten" – Ministerpräsident Kossygin, Staatspräsident Podgorny und der Chefideologe Suslow – hätten sich durchgesetzt. Inzwischen haben die Jugoslawen ihr Urteil revidiert. Heute sind sie der Ansicht, daß die Führungsspitze im Kreml aus dem Parteichef Breschnjew samt den beiden Marschällen Gretschko und Jakubowski besteht; neben ihnen habe sonst niemand etwas zu sagen.

Gewiß ist es noch zu früh, von einem neuen Bonapartismus zu sprechen – jenem Gespenst, das die politische Spitze des Kremls seit einem halben Jahrhundert verfolgt. An die Angst vor einem sowjetischen Bonaparte appellierte einst Stalin, als er sich in den zwanziger Jahren Leo Trotzkis entledigte, des Bürgerkriegshelden und Schöpfers der Roten Armee. Die gleiche Angst trieb Stalin zehn Jahre später zu der blutigen Säuberung des Offizierskorps, der vier Marschälle – darunter Tuchatschewski und Blücher – zum Opfer fielen; und sie bewog ihn 1946, den populären Heerführer Schukow in die Provinz zu verbannen. Erst nach Stalins Tod kehrte Schukow zurück. Im Juli 1957 verhalf er Chruschtschow, dessen Anhänger im Zentralkomitee er in Militärmaschinen aus der ganzen Sowjetunion herbeifliegen ließ, zu einem Abstimmungssieg über die "parteifeindliche" Gruppe Malenkow-Molotow. Doch drei Monate darauf wurde er von dem Manne, den er eben gerettet hatte, aufs neue in die Wüste geschickt.

Chruschtschow ließ es damals nicht bei der Absetzung Schukows bewenden. Er versuchte, die Militärs wieder eindeutig der Partei unterzuordnen. Anfang 1960 setzte er eine Verringerung der Roten Armee um 1,2 Millionen Mann durch; Tausende von Offizieren fanden sich plötzlich als Kolchosleiter wieder. Er schaltete auf friedliche Koexistenz; er bevorzugte die Raketenwaffe gegenüber den klassischen Streitkräften; er spielte mit der Idee einer Ausdünnung der sowjetischen Garnisonen in Osteuropa; er zügelte den Appetit der "Metallfresser" im Verteidigungsministerium, die sich gegen den Ausbau der Konsumgüterindustrie auf Kosten der rüstungsrelevanten Schwerindustrie sträubten; er vernachlässigte den Warschauer Pakt; er scheute umfangreiche Waffenlieferungen an Nordvietnam und fand auch keinen rechten Geschmack am Wettrüsten mit den Vereinigten Staaten. Kein Wunder, daß die Militärs keinen Finger für ihn rührten, als er 1964 gestürzt wurde.

Andrej Gretschko war Chruschtschows Geschöpf gewesen, aber er überlebte den Wechsel und fand rasch Anschluß an Breschnjew, den er ebenfalls aus dem Krieg kannte. Und er, der noch in der legendären Reiterarmee des Draufgängers Budjonny mitgeritten war, erlebte nun, wie der Einfluß der Militärs von Jahr zu Jahr wieder wuchs.