Von Thomas von Randow

Wenn ein fremder Stoff in den menschlichen Körper eindringt, ein Virus zum Beispiel, ein Bakterium oder – bei einer Transplantation – Gewebe eines anderen Organismus, dann setzt unverzüglich die Mobilmachung eines gestaffelten Verteidigungssystems ein. In der vordersten Frontlinie, an der Hautoberfläche und in den Schleimhäuten, sorgen Enzyme für die Herstellung von Substanzen, die den Eindringling chemisch abbauen sollen. Tiefer im Gewebe wird der Feind von ständig durch die Blutbahnen patrouillierenden weißen Blutkörperchen entdeckt und umzingelt. Gleichzeitig werden andere Blutzellen und diverse Substanzen in das bedrohte Gebiet gebracht, die den Fremdstoff zersetzen oder – etwa durch einen Furunkel – aus dem Körper hinausbefördern sollen.

Doch wenn diese erste biologische Verteidigungswelle der Invasion unterliegt, dann geht der Körper zu einer gezielten Abwehr über, zur Immunreaktion. Der Eindringling, man nennt – ihn Antigen, wird jetzt mit Antikörpern bekämpft; das sind Moleküle des Immunglobulins, die in den Plasmazellen der Milz und der Lymphknoten gebildet und in das Blut gebracht werden.

Für jede Art von Antigen produziert der Organismus spezielle Antikörper, die den Eindringlingen so angepaßt sind wie ein Schlüssel dem Schloß. Dank dieser Paßform vermag sich das Molekül an das Antigen anzuhängen, um es unwirksam zu machen.

Wie stellt der Körper diese unvorstellbar große Zahl verschiedener hochspezialisierter Moleküle her? Wie ist es möglich, daß unser Organismus Antikörper nicht nur gegen solche Antigene produziert, die von jeher die Gesundheit des Menschen bedroht haben, zum Beispiel Viren, Bakterien oder Erbsubstanz, Eiweißstoffe und Kohlehydrate aus anderen Lebewesen? Wir bilden nämlich auch Antikörper, die auf Fremdstoffe spezialisiert sind, an die sich unsere Art im Verlauf ihrer Evolution nicht angepaßt haben kann; dazu gehören neue Mutanten von Viren und sogar synthetische Produkte der chemischen Industrie. Die Plasmazelle ist gewissermaßen ein Schlosser, der Schlüssel für solche Schlösser herstellen kann, die er gar nicht kennt.

Das sind die Rätsel, die die Immunbiologen zu lösen versuchen. Auf dem Wege zu dieser Enträtselung sind jetzt sechs amerikanische Biologen um einen großen Schritt weitergekommen.

Zwei Professoren, ein Assistent und drei Studenten der Rockefeller-Universität haben in gemeinsamer Forschungsarbeit die chemische Struktur des Immunglobulin-Moleküls entdeckt. Und diese Struktur gibt Hinweise darauf, wie die Antikörper in den Immunglobulin produzierenden Zellen hergestellt werden, welche Teile des Moleküls dafür sorgen, daß es sich an den Eindringling anheften kann, und welche Teile ihn unschädlich machen.