Von Peter Grubbe

Werner Roth: "Dorf im Wandel. Eine empirische Untersuchung"; VerlagHugoHassmüller, Frankfurt am Main 1968; 359 Seiten, 21,–DM.

Die Bewohner des Zonenrandgebietes haben sich an die Grenze gewöhnt. Das ist das interessanteste, wenn auch für manche Leser vermutlich unerfreulichste Ergebnis der Untersuchung von Werner Roth über das Leben in einem Zonengrenzdorf. Man fühlt sich nicht bedroht. Man denkt auch nicht an Flucht, nicht einmal im "Ernstfall" eines militärischen Zusammenstoßes zwischen Ost und West. Auch die früher recht lebhafte Abwanderung aus dem Zonenrandgebiet – die allerdings wirtschaftliche Gründe hatte: Arbeitsmangel, niedrigere Löhne, hohe Frachtkosten –, hat seit Anfang der sechziger Jahre weitgehend aufgehört.

Werner Roth hat seine Erkenntnisse in vielen Interviews und mittels eines sorgsam ausgearbeiteten Fragebogens in der hessischen Grenzgemeinde Obersuhl gewonnen. Obersuhl hat 3240 Einwohner, liegt zwischen Eisenach und Bebra, unmittelbar an der Zonengrenze, war früher wesentlich stärker nach Thüringen als nach Hessen orientiert und hat durch die Teilung Deutschlands den größten Teil seines Hinterlands verloren.

Das mit wissenschaftlicher Akribie geschriebene Buch vermittelt überraschende Ergebnisse: Selbst hier, unmittelbar an der Grenze, waren sich nur ganze vier Prozent der Einwohner darüber klar, daß die Grenze unter anderem eine Folge des deutschen Krieges und der deutschen Niederlage war. Trotz der Nähe der Grenze ist andererseits eine "Kalte-Kriegs"-Stimmung kaum vorhanden. Dagegen halten hier im Gegensatz zum Bundesdurchschnitt noch immer 92 Prozent der Bewohner eine Wiedervereinigung nicht nur für dringehd nötig, sondern sie glauben auch, daß sie innerhalb der nächsten zehn Jahre praktiziert werden kann.

Die Bundesregierung wird von der Mehrheit der Bewohner kritisiert, weil ihre Politik gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik nicht "aktiv genug" sei. Die örtlichen Behörden versuchen, wenigstens auf kommunaler Ebene den "kleinen Grenzkontakt" aufrechtzuerhalten. Bei der Frage, wie ein wiedervereinigtes Deutschland aussehen solle, stellen sich 87 Prozent einfach eine nach Osten ausgeweitete Bundesrepublik vor. Selbst von einem; Kompromiß zwischen den beiden Gesellschaftsformen will man nichts wissen – ganze drei Prozent sind dafür.

Das Interesse für Thüringen, zu dem man vor der Teilung die engsten Beziehungen unterhielt, ist nach wie vor lebendig, aber es ist die Landschaft Thüringen, es sind ihre Menschen, es ist die Erinnerung an die Vergangenheit, die es lebendig hält. Von dem, was heute "drüben" geschieht, nimmt man kaum Kenntnis.

Wer sich für die Folgen der deutschen Teilung interessiert, wie sie sich heute, fast 25 Jahre "danach", bei den Bewohnern des am stärksten betroffenen Grenzgebietes zeigen, sollte dieses Buch trotz seines Umfanges lesen.