Kehrt Stalin jetzt nach Prag zurück?

Von Marion Gräfin Dönhoff

Nun ist in der ČSSR das, was die Sowjets unter "Normalisierung" verstehen, eingetreten: die Presse wird scharf zensiert, ausländische Zeitungen werden beschlagnahmt, westliche Sender gestört. Die Prager aber sagen: "Wir haben wieder einmal eine große Zukunft hinter uns."

Von jetzt an werden Leser in der Sowjetunion und in der DDR tschechische Zeitungen wieder ungehindert beziehen dürfen. Monatelang konnten sie sie nicht erhalten, weil die Machthaber in Moskau und in Ostberlin Angst vor dem "böhmischen Bazillus" hatten. Ein Beweis dafür, daß die Okkupierten sich mehr Freiheit erhalten hatten, als die Okkupanten besitzen.

Von nun an sind alle wieder gleich – jedenfalls gleich in der Unfreiheit, nicht gleich in ihrer Souveränität. Die Ereignisse in der ČSSR haben nämlich ein völkerrechtliches Kuriosum gezeitigt, von dessen Existenz man bislang nichts wußte: Es gibt neuerdings, wie die Breschnjew-Doktrin uns lehrt, im Osten viele souveräne Staaten, aber nur einen super-souveränen Staat, die Sowjetunion. Souverän, souveräner, am souveränsten – diese Steigerung war bisher unbekannt.

Jetzt werden allenthalben Bilanzen gezogen und Rechnungen aufgemacht, denn hinterher ist man immer klüger. Die Welt schrieb: "Die Reformer begingen, weil sie vor einer rigorosen Machtpolitik zurückschreckten, zwei entscheidende Fehler. Sie versäumten es, die Stalinisten aus dem Zentralkomitee zu eliminieren und die Schlüsselstellungen im Parteiapparat mit reformwilligen Kräften zu besetzen." Diese Kritik unterstellt, daß man im Frühjahr 1968 schon hätte wissen müssen, was sich erst im Laufe des Jahres allmählich herausstellte.

Dubček hatte recht