Ludwig Erhard, dem hierzulande so schnell Vergessenen, gelingt es heute offenbar nur noch in fernen Ländern, von sich reden zu machen. Derzeit bereist er als wirtschaftlicher Wunderprediger Lateinamerika. Ob die Rezepte, die er freigebig verstreut, seinen Gastgebern helfen können, ihre ökonomische Misere zu überwinden, sei dahingestellt.

In seinen politischen Äußerungen ist Erhard ganz der alte geblieben: geprägt von einer unnachahmlichen Blauäugigkeit. In Argentinien und Brasilien, wo machtbewußte Militärs an ihrer Mißachtung der Demokratie keinen Zweifel lassen, hat er den Regierungen einen politischen Persilschein gleichsam als Entreebillet präsentiert. Auch Diktatoren, so der Exkanzler, könnten von hohem moralischen Bewußtsein und sozialer Verantwortung erfüllt sein.

Das hatten die Generäle noch von keinem prominenten Besucher aus Nordamerika oder Europa gehört. Kein Wunder, daß daraufhin die Lobpreisungen auf den Gast noch überschwenglicher wurden. All das wirkte wie ein eher trauriges Geschäft auf Gegenseitigkeit. Erhard lieferte die Ware "Respektabilität" – und die Generäle revanchierten sich mit ein paar Quentchen Schmeichelei. H. G.