Von Gottfried Sello

Eine neue Biennale – muß das sein? In einer Zeit, wo die großen internationalen Ausstellungen nicht nur immer mehr unter Beschuß geraten, von links und rechts angegriffen werden, sondern ihr Selbstverständnis, die schöne Überzeugtheit von ihrer Notwendigkeit eingebüßt haben? Die letzte Biennale in Venedig hat die Fragwürdigkeit der Institution ans Licht gebracht, der Nimbus der documenta ist erheblich lädiert, eine nächste, wenn es sie gibt, wird anders konzipiert sein. Nürnberg hat sich durch solche negativen Erfahrungen nicht beirren lassen, der Wunsch, seine Reputation als Kunststadt noch vor dem Dürer-Jahr 1971 zurückzugewinnen, mag dabei ebenso im Spiel sein wie persönliche Ambitionen. Die Biennale 1969 wurde frisch gewagt und bestenfalls halb gewonnen.

Der Stil der Darbietungen erinnert an Kassel. Die Ausstellung verteilt sich auf drei Gebäude, die Kunsthalle am Marientor, das Künstlerhaus am Königstor und einen Trakt im Rathaus, die Häuser sollen teils abgerissen werden, teils sind sie noch nicht ganz wiederhergestellt, ihr baulicher Zustand verlangt räumliches Improvisieren wie bei der documenta, wo die Ausstellungshäuser glücklicherweise auch nie fertig werden.

Das ist aber auch schon alles, was die documenta und die Biennale in Nürnberg gemeinsam haben. Der konzeptionelle Unterschied: die Biennale will, statt globaler Information über aktuelle Tendenzen, ein spezielles Thema präzisieren. Das Thema heißt konstruktive Kunst, genauer "Konstruktive Kunst: Elemente und Prinzipien". Der Nachsatz klingt gut, aber im Kontext der Ausstellung bleibt er eine leere Floskel. Reiner Kallhardt, der unter der verantwortlichen Regie von Dietrich Mahlow die thematische Idee der Ausstellung entwickelt hat, will ihn so verstanden wissen, daß es hier mehr um Verfahrensweisen als um realisierte Werke gehe. Aber in der Praxis lassen sich keine Verfahrensweisen ausstellen, sondern nur deren Resultate. In seiner Eigenschaft als Biennale-Kommissar für die Bundesrepublik hat Kallhardt im Katalogvorwort am deutschen Beitrag exemplifiziert, was man sich unter "Prinzipien" und "Elementen" konstruktiver Kunst vorzustellen habe. Die Prinzipien seien 1. geometrische Konstruktion, 2. strukturelle Konstruktion, 3. serielle Konstruktion. Als Elemente nennt er: Farbe, Licht, Bewegung, Linie, Fläche, Körper, Raum. Mit diesem Schema hat er eine Tabelle hergestellt, in der die acht deutschen Künstler mit ihrem jeweiligen Stellenwert unter Prinzipien und Elementen eingetragen werden. Ich empfehle diese Tabelle der Aufmerksamkeit des Katalogbenutzers, als warnendes Beispiel für eine pseudowissenschaftliche Methodik und informationstheoretische Taschenspielereien.

Wenn man sich entschließt, eine thematische Schau zu inszenieren, was der Nürnberger Biennale den Eigencharakter garantieren könnte, wird es allerdings problematisch, die Auswahl an einzelne Länderkommissare zu delegieren. Offenbar wird der Begriff konstruktive Kunst überall anders interpretiert oder einfach als Vorwand genommen, Aktuelles vorzuzeigen. In Italien, schreibt Umbro Apollonio, Landeskommissar für Nürnberg und Organisator der Biennale von Venedig, sei das konstruktivistische Prinzip ohne besondere Resonanz geblieben. Aber keinesfalls verzichtet man deswegen auf die Teilnahme, sondern man bringt drei Künstler nach Nürnberg, die nichts mit der Sache zu tun haben. Getulio Alviani und Giani Colombo sind als Environment-Spezialisten schon auf der letzten documenta und eben gerade in Schloß Morsbroich bei der großen Ambiente-Schau dabeigewesen. In der kleinen nordamerikanischen Abteilung sieht man "The Wandering Rocks von Tony Smith, einem Hauptvertreter der Minimal Art. Die Südamerikaner präsentieren in der Hauptsache kinetische Objekte. Julio le Parc hat zwei Lichtkabinette installiert, die primitiver ausgefallen sind, als man es bei ihm gewohnt ist. Soto hat einen zwanzig Meter langen Gang mit weißen Perlonschnüren dicht behängt, jeder Besucher muß sich da hindurcharbeiten, um in die Ausstellungsräume zu gelangen, eine strapaziöse Ouvertüre, die dem Romantiker das Gefühl vermittelt, sich einen Weg durch Lianenwälder zu bahnen. Waldemar Cordeiro aus Brasilien gibt auf der Nürnberger Biennale sein deutsches Debüt, seine mechanischen Objekte sind mit Witz konstruiert, in seinem destruktiven Selbstporträt bewegen sich die einzelnen Gesichtspartien gegeneinander.

Was haben Sotos Vorhang und eine mechanische Kußapparatur von Cordeiro, was haben Kinetik, Minimal Art, Hard Edge und Op Art mit Konstruktivismus, wie man ihn bisher verstanden hat, zu tun, nämlich als einer Kunst, die Ordnung und Harmonie auf geometrischer Basis rational realisieren will? Ich glaube: so gut wie nichts.

Auch die Veranstalter müssen das Dilemma empfunden haben. Sie sind ihm jedoch ausgewichen, indem sie nicht von Konstruktivismus, sondern nur Von konstruktiver Kunst sprechen, damit zwar den Begriff erweitern, aber verunklaren. Konstruktivismus verhält sich zu konstruktiven Kunst ähnlich wie Surrealismus zur phantastischen Kunst, in der man praktisch alles unterbringen kann, was nicht ausgesprochen realistisch oder konstruktivistisch ist. Als konstruktiv deklariert man die Überreste des klassischen Konstruktivismus, aber auch alle gegenwärtigen Tendenzen, sich technischer Apparaturen zu bedienen, und schließlich jede Art der Reduktion der künstlerischen Mittel auf einfache Grundelemente, wie es bei Minimal Art und Op Art geschieht.