Prag, im April

Ein Soldat, den ich nach dem Weg fragte, ging ein paar Schritte mit mir und meinte dann: machte Occupatie normal, aber russische..." Er machte die Bewegung der brüderlichen Umeinzigen Das eben ist es: die Tschechen waren die einzigen Freunde der Russen Mit Polen, Ungarn, Rumänen hatten die Russen Kriege geführt. Die Tschechoslowakei war immer moskautreu.

Den Haß auf die Russen schreien einem unbekannte Leute ins Gesicht. Fährt man im Taxi auf den Wenzelsplatz, zeigt der Fahrer auf die zerschossene Fassade des Nationalmuseums: "Da russische Kultura." Das ist mir wohl zehnmal passiert. Fährt man von der Kleinseite über die Moldau auf das Pädagogische Institut zu, sagt der Fahrer: "Hier Jan-Palach-Platz, Schilder weg." In der Tat hat die Stadtverwaltung die von den Studenten angebrachten Straßenschilder "Jan-Palach-Platz" heruntergeholt – die Löcher aber gelassen. Das Nationalmuseum wird nicht repariert, die Einschüsse sollen bleiben und erinnern.

Im Hotel beklagte sich mein tschechischer Begleiter beim Kellner, den er gar nicht kannte, darüber, daß es zog. Antwort: "Das ist der letzte frische Luftzug aus dem Westen." Und als wir zahlen wollten: "Alle haben es heute so eilig, als wollten sie die verlorenen 25 Jahre aufholen." Das Restaurant Moskva (Moskau) mußte zuerst in Moravia (Mähren) umbenannt werden; jetzt heißt es "Restaurant M." und hat seine Kunden wieder. Das geht bis zum Lächerlichen: "Russische Eier" sind von der Speisekarte gestrichen. Russischer Kognak wird mit der Bemerkung eingeschenkt: "Der kommt aus Grusinien; die sind genauso unterdrückt wie wir."

Am Donnerstag voriger Woche um halb zwei stand ich vor dem Hradschin; die Sitzung des Zentralkomitees sollte um 14.00 Uhr beginnen. Der Prager Frühling war zu Ende, der Sturm trieb einem Schnee und Hagel ins Gesicht. Die 163 ZK-Mitglieder sausten in schwarzen Limousinen an den knapp 100 Zuschauern vorüber.

"Es wird schlimm", sagten die Leute. "Die Sowjets wollen Dubček weg haben." Ob nicht Husak auch ein guter Mann sei? Nein, den mögen sie nicht. Für das Volk ist er der Mann, der Dub-ček stürzt. Es wird ihm kaum gelingen, ihr Vertrauen zu gewinnen; ich kann mir sein Bild neben dem Svobodas kaum vorstellen.

Die Intelligenz weiß besser Bescheid. Dubček, so heißt es, sei zwar liebenswert, aber nicht energisch. Er habe die Stalinisten nicht aus seiner Umgebung entfernt, was Husak in der Slowakei sofort getan habe. Er sei von mittlerer Intelligenz, den Sowjets gegenüber weich, sprunghaft, ohne Ziel, ein politischer Dilettant, vom Zufall emporgehoben. Das Volk freilich dachte anders. Eben weil er kein harter Politiker war, liebte ihn das Volk. Die ihm von den Sowjets zugefügte Unbill warb für ihn. Sein Bild – in jedem Schaufenster – wurde verehrt wie ein Heiligenbild.