Gelsenkirchen

Der Raum, den die evangelische Landeskirche von Westfalen jedem Verkünder göttlichen Heils zugesteht, wurde nach ihrer Meinung von der Gelsenkirchener Pastorin Tabea Ruddies über Gebühr strapaziert, verletzt und mißbraucht, Seit Tabea Ruddies, die nach Einführung des Pastorinnengesetzes als eine der ersten Frauen in Nordrhein-Westfalen eine Pfarrstelle erhielt, sich im Oktober vergangenen Jahres weigerte, die Taufe von Kindern zu praktizieren, rüttelt sie nach Aussagen ihrer Vorgesetzten "an den Grundlagen der Kirchenordnung" und muß sich vom eigenen Presbyterium vorwerfen lassen, die "Bekenntnisbindung vor der Gemeinde verletzt zu haben".

Gerade aber das bestreitet die vierzigjährige Pastorin. Aus der Perspektive ihrer in Bielefeld residierenden Oberhirten ist sie aber auch deswegen eine Gefahr, weil sie ihre Gedanken nicht in ihrem theologischen Studierzimmer bewahrt, sondern sie im seelsorgerischen Alltag praktiziert. Tabea Ruddies glaubt aus der Lektüre der Heiligen Schrift zu wissen, daß die Kindestaufe, wie sie heute von den beiden großen Konfessionen praktiziert wird, ein "Mißbrauch" ist und kaum mehr als die Praktizierung eines "schönen Märchens" darstellt.

Für Tabea Ruddies, die in einem Pastorenhaus aufwuchs, "streng christlich erzogen wurde", gehören die Bekenntnisschriften, die man gegen sie ins Feld führt, "zum Gold der christlichen Überlieferung", wo sie aber von der Kindestaufe sprechen, da sind sie "durchsetzt vom Stroh der katholischen Kirche". Die Lutheranerin fordert ganz simpel ein persönliches Engagement, die individuelle Entscheidung – von einem schreienden Säugling schwerlich zu bekommen. Und sie verurteilt die Selbstzufriedenheit jener Christen, die ihre Kinder taufen lassen, um ihnen einen billigen "Impfschein" fürs Leben zu verschaffen, und die an der Taufzeremonie nur deshalb kleben, weil sie glauben, ein Anrecht auf diesen "sakralen Kundendienst" zu haben.

Pastorin Ruddies plädiert statt dessen für eine "Segnung" des Kleinkindes, in dessen Verlauf die Eltern beten sollen, Gott möge helfen, daß ihr Kind eines Tages zur Taufe komme. Gemeinde und Pfarrer schließen sich dieser Bitte an.

Zum ersten Eklat kam es, als sie ihren Entschluß, die Kindestaufe nicht mehr zu vollziehen, im Oktober 1968 einer Mutter ihrer 7000köpfigen Gemeinde, die sie mit zwei Amtsbrüdern betreut, mitteilte. Die Frau zeigte keine Neigung, dem Reformkurs zu folgen, ging kurzerhand zum anderen Pfarrer und bekam dort, was sie wollte. Zwar fand die Pastorin kurze Zeit später ein junges Elternpaar, das sich von ihren Überlegungen überzeugen ließ und auch die von ihr vorgeschlagene Segnung durchführen ließ, doch besann es sich wenig später und holte die Taufe andernorts nach.

Seit dieser Zeit lebt Tabea Ruddies, deren Handlungsweise von ihrer theologischen Umgebung als Fahnenflucht angesehen wird, in der Isolierung. Während die 30 Kirchenratsmitglieder ihrer Gemeinde jeder Diskussion aus dem Wege gehen, dafür aber um so beharrlicher um die Versetzung der Pastorin kämpfen, reagiert man höherenorts mit christlichem Unbehagen, Man scheute sich nämlich, den bisher noch nie praktizierten Weg des Lehrbeanstandungsverfahrens, mit dem man Abtrünnige vom Wege des "Irrglaubens" in die alten Gleise zurückführen möchte, anzuwenden, weil man offensichtlich fürchtete, einen Präzedenzfall zu schaffen,