Von Sabine Brandt

Der Schriftsteller Tibor Déry, in seiner Jugend Expressionist und Dadaist, in seinen reifen Mannesjahren Realist, ist am Abend seines Lebens zum Ironiker geworden. In seinem jüngsten Roman

Tibor Déry: "Ambrosius", Roman, aus dem Ungarischen von Eva Vajda; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 318 S., 22,– DM

hält er der Welt einen facettierten Spiegel vor, darin sie sich funkelnd und vielfach gebrochen erblicken kann.

Teils Historie, teils Legende, um phantastische Einfälle vermehrt, erzählt der Roman die Vita des heiligen Ambrosius, der im vierten nachchristlichen Jahrhundert Bischof von Mailand war. Dérys Darstellungsweise, scheinbar eine aus Worten gefügte Devotionaliensammlung, in Wirklichkeit ein Instrument kritischer Durchdringung, erinnert an die doppelbödigen Narreteien des späten Thomas Mann. Und weil wir es mit einem heiligen Gegenstand zu tun haben, der hier ironisch abgehandelt wird, stellt die Erinnerung an Gregorius, den "Erwählten", sich unverzüglich ein. Der Verlag versäumt auch nicht, im Klappentext die Verwandtschaft zur Debatte zu stellen. Ist also Dérys Ambrosius ein literarischer Vetter von Manns Gregorius?

Er ist es nicht. Das zeigt sich allein schon in dem Platz, den die Romane jeweils im Oeuvre ihrer Schöpfer einnehmen. In seinen Briefen nennt Thomas Mann den "Erwählten" ein "überhängendes Nach-Werk", ein "scherzhaftes Nachspiel" seiner Lebensarbeit. Der "Ambrosius" dagegen fügt sich als integrierender Bestandteil in Dérys Dichtung und ist, trotz des humorvollen Grundtons, kein Scherz. Als vorläufig letztes Stück des Gesamtwerks ist er wie dieses künstlerischer Reflex eines Lebens, das stets der Revolution, nämlich einem streitbaren Humanismus zugewandt war.

Das Buch beginnt mit dem Satz: "Im Jahre 373 nach Christus, an einem Novembernachmittag kurz vor der Abenddämmerung, vernahm Ambrosius, kaiserlicher Gouverneur der Provinzen Aemilien und Ligurien, die Kunde, daß das Volk von Mailand sich anschickte, ihn zu seinem Bischof zu wählen."