Von Wolfram Siebeck

Das Floß der Phäaken flog schnell und sicher dahin, als führe ein Wagen mit vier Hengsten bespannt über eine glatte Ebene. Odysseus aber lag und schlief, und er schlief so fest, daß er nicht einmal aufwachte, als das Floß das heimatliche Ithaka anlief ...

Der hatte es gut, denkt der heimkehrende Tourist und flucht über die Stauungen auf der Autobahn, wo seine hundert Hengste gerade das Kühlwasser zum Kochen bringen. Und als er endlich die heimatlichen Gestade erreicht, schläft er nicht fest, sondern sitzt seit zehn Stunden wach hinter dem Steuer. Kein Wunder, daß er nun, wie damals der griechische Spätheimkehrer, die lang entbehrte Heimat nicht wiedererkennt. Hier allerdings ist es nicht Athene, die die Straßen in Nebel taucht; Baufirmen haben sie aufgerissen und gesperrt. Bei dem Versuch, über einen Acker auszuweichen, bleibe ich in einem Schlammloch stecken. Penelope muß raus und schieben. Schließlich hat man als erfahrener Tourist den Kardinalfehler, des Odysseus von Anfang an vermieden: heute läßt man die Gattin nicht so leichtfertig zu Hause, auch wenn die Reise nur sechs Wochen dauert.

So schrumpfen die bösen Überraschungen, die uns im Königspalast erwarten, auf ein neuzeitliches Mittelmaß zusammen. Um platzende Wasserrohre und einfrierende Heizkörper kümmerte sich Karin, die Magd, die uns eines Tages sogar in Paris anrief, um zu fragen, ob die Fenster trotz des Regens geputzt werden sollten.

Die Gute, denken wir gerührt, als wir das warme und trockene Haus betreten. Dann fällt mein Blick auf das Telephon. Der Hörer liegt nicht in der Gabel, sondern senkrecht dazwischen. Mit einem Griff habe ich die Muschel am Ohr: tot!

Da überfällt mich eine schreckliche Vision: Telephongespräche sind erst dann beendet, wenn der Anrufer einhängt. Der Anrufer war hier die Magd, der die Götter die Sinne verwirrten, daß sie den Hörer nicht auf die Gabel legte. Also lief tagelang, vielleicht auch zwei, drei Wochen lang, ein Gespräch nach Paris über meinen Zähler, bis er rotglühend in tausend Stücke zersprang ...

Ächzend sinke ich auf das Fell eines erlegten Rindes. Ich bin dem Pariser Stadtverkehr entronnen, habe die frühen Polizeistunden Londoner brüche in den Ardennen geglättet, und seine schützende Hand lag auch über mir, als der Boeing über dem Kanal der Whisky ausging – ich erwischte die letzte Flasche. Doch die Unsterblichen neiden dem Irdischen das reine Glück. Sie wählten das Telephon, um mich zu vernichten.

Erst heute schicken sie mir zum Zeichen der Versöhnung die Rechnung. Orts- und Selbstwählfern-Gebühren im Monat März: 8,80 DM.