Von Rudolf E. Bollinger

Im Herbst 1962 brach im südarabischen Jemen ein Bürgerkrieg aus. Nasser freundliche Offiziere unter Oberst Sallal stürzten den Imam Mohammed el-Badr. Doch der Imam entkam und entfesselte mit treuen Bergstämmen des Nordens einenGuerillakrieg gegen die Republikaner. Trotz der Einmischung Saudi-Arabiens und Ägyptens vermochte keine Partei die Oberhand zu gewinnen. Jetzt haben sich die Gegner versöhnt.

Von der blau gestrichenen Steinempore herab klingt die beschwörende Stimme des Staatspräsidenten Qadi Abdul al-Iriani. Kopf an Kopf sitzen im Halbrund des Plenarsaals die Abgeordneten des ersten gewählten Parlaments im Jemen: verwegene Stammesführer der geretteten Republik neben den gefürchteten Bergkriegern der ehemaligen Royalisten; Konservative aus dem Lager der Anhänger Irianis und seines Premiers, General Hassan al-Amris, in Tuchfühlung mit linksradikalen Studenten und Anhängern der neuerdings so aktiven Baath-Partei – flankiert von ehemaligen royalistischen Militärs, deren neue Offiziersmonturen sich von den verschlissenen Waffenröcken des schon traditionsbewußten republikanischen Offizierskorps abheben. Ergänzt wird das farbenprächtige Bild durch die Repräsentanten der "Olma", Vertreter der religiösen Richtungen, durch angesehene Geschäftsleute und die Expolitiker aller Staatsformen und Regierungen, die der Jemen in den letzten zwanzig Jahren hinter sich gebracht hat. Zwölf Sitze blieben leer – sie sind für die Vertreter der benachbarten Volksrepublik Südjemen (ehemals Aden und Südarabische Föderation) bestimmt, der Sanaa die Vereinigung angeboten hat.

Die feierliche Eröffnung des ersten Parlaments seit den Tagen der Königin von Saba fiel zusammen mit einem Ereignis, das in Europa kaum zur Kenntnis genommen wurde: Der Bürgerkrieg im Jemen ist zu Ende. Als ich Mitte März von Frankfurt abflog, herrschte noch der Kriegszustand, doch ich landete – im Frieden. Über Nacht hatte sich die Szene geändert. Den Tarnanzug, den ich vorsorglich mitgenommen hatte, mußte ich mit weißem Hemd und Krawatte vertauschen. Das Protokoll hat wieder Muße, sich zu entfalten. In der Ausweichstadt Taiz packen die Diplomaten ihre Koffer und bündeln ihre Akten, um in die ehemalige Frontstadt Sanaa zurückzukehren.

Als ich vor einem Jahr bei Nacht die Hauptstadt Sanaa besuchte, waren die Häuser verdunkelt; schwerbewaffnete junge Soldaten lagen noch in den Verteidigungsstellungen auf den umliegenden Bergkuppen. Die royalistische Belagerung war gerade durchbrochen worden. General Hassan al-Amri war es gelungen, den Gegner zurückzuwerfen und Sanaa vor der angedrohten Plünderung und Eroberung zu bewahren. Die Royalisten hatten ihre große Chance vertan, der Republik nach dem Abzug des ägyptischen Expeditionskorps den Todesstoß zu versetzen. Das lange Zaudern der Prinzen, nicht zuletzt wegen der eigenen Rivalitäten, hatte es den Republikanern ermöglicht, die nach dem ägyptischen Abzug entstandene Materiallücke durch Waffenlieferungen aus dem Ostblock wieder zu schließen.

Die ägyptische Intervention im jemenitischen Bürgerkrieg war anfangs mit Erleichterung begrüßt worden. Doch bald forderte sie eine erbitterte innere Opposition im Lande heraus. Mit ihren Sicherheitsorganen schalteten und walteten die ägyptischen Militärs wie eine Besatzungsmacht. Kein Wunder, daß die "besetzten" Republikaner die sich häufenden Niederlagen der 60 000 Nilsoldaten im Kampf gegen die royalistischen Bergstämme mit einer gewissen nationalen Schadenfreude zur Kenntnis nahmen.

Nur ein mageres Viertel der ägyptischen Waffenbrüder, die der Befehl Nassers in den Jemen beordert hatte, beteiligte sich an den grausamen Kämpfen im Hochland; der Großteil der Streitkräfte zwang die jemenitische Republik unter die Kuratel ägyptischer Hausmachtpolitik. Die jemenitischen Bergbauern empfanden sie als eine arabische Version des Kolonialismus. Als nach dem Nahostkrieg die ägyptischen Truppen den Jemen räumten, mußte der erste Präsident der Republik, Marschall Sallal, nach Kairo flüchten. In einer unblutigen Revolution übernahm Qadi Abdul al-Iriani die Macht und wurde im Oktober 1967 neuer Präsident der Arabischen Republik Jemen.