Von Willi Bongard

Strenggenommen gehört er nicht auf die Liste derer, die heute Wirtschaft lehren: Dr. jur. Kurt H. Biedenkopf, ordentlicher Professor für Bürgerliches Recht, Handels-, Wirtschafts- und Arbeitsrecht an der Ruhr-Universität Bochum, legt selbst Wert auf die Feststellung, daß er kein Wirtschaftswissenschaftler oder Wirtschaftspolitiker ist. Und dennoch; wer die Namen derjenigen Professoren Revue passieren läßt, deren Stimme in der wirtschaftspolitischen Diskussion in der Bundesrepublik Gehör findet, der kommt an Biedenkopf nicht vorbei.

Wenn es einen Wissenschaftler gibt, den Wirtschaftsminister Karl Schiller zu fürchten hat und der ihm eines Tages den Rang streitig machen könnte, dann ist es Kurt Biedenkopf, mit 38 Jahren, derzeit der jüngste. Rektor einer deutschen Universität. Auch diejenigen, die nicht vorhaben, in Bochum zu studieren, tun gut daran, sich seinen Namen einzuprägen und sich mit seinen wirtschaftspolitischen Vorstellungen und Zielsetzungen vertraut zu machen.

Ganz so schnell, wie es eine studentische Kurzfassung an verschwiegenem Ort – "Bidi, der nächste Wimi" – glauben machen könnte, dürfte Biedenkopf ("Bidi") zwar nicht zum Wirtschaftsminister ("Wimi") aufsteigen; aber völlig von der Hand weisen läßt sich ein Wechsel von Bochum nach Bonn auch nicht.

"Der will wat werden", rutschte es einem Bochumer Jura-Studenten heraus, der sich über den publizistischen Eifer seines Professors zu mokieren schien, "der schreibt ja fast jede Woche im Industriekurier ..."

Zwar bestreitet Biedenkopf mit Nachdruck, jemals einen Aufsatz für den Industriekurier, die "Hauspostille" der deutschen Industrie, geschrieben zu haben; aber daß man seine Vorträge dort ausschlachtet und seinen Namen in die Überschriften setzt, ist kein Geheimnis, wie auch: der Abdruck von Vorträgen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht unbemerkt geblieben ist. Biedenkopf bestreitet denn auch nicht, daß er "leidenschaftlich an Politik interessiert" ist und die Resonanz, die seine wirtschaftspolitischen Äußerungen in der Öffentlichkeit finden, lebhaft begrüßt.

"Es würde mich durchaus reizen, Wirtschaftsminister zu sein", gesteht Biedenkopf nach einem kurzen Zögern. Sein Zögern erklärt sich lediglich daraus, daß er sich noch ein wenig zu jung, zu unerfahren vorkommt. Genauer, er möchte gern noch mehr Erfahrung im praktischen Umgang mit Wirtschaftsproblemen sammeln, beispielsweise als Staatssekretär. (Der Verdacht, daß er ein politisches Amt nur um des Amtes und der Ehre willen anstrebt, ist unbegründet: Als ihm von der nordrhein-westfälischen Landesregierung unter Meyers das Justizministerium angeboten wurde, lehnte er ab.)