Bonn, im April

Die Studenten der nordrhein-westfälischen Ingenieurschulen – und demnächst womöglich alle ihre Kommilitonen in der Bundesrepublik boykottieren ihre Vorlesungen nicht, weil sie Staat und Gesellschaft an den Kragen wollen. Im Gegenteil: Strikt achten sie darauf, daß ihr Protest nicht zu anarchistischem Getümmel entartet. Vielmehr geht es ihnen um Wünsche, denen sich das Establishment nur anschließen kann: um eine bessere Ausbildung und, mittels dieser Verbesserungen, um Chancengleichheit für die deutschen Ingenieure in der EWG.

Die Reformentwürfe der Düsseldorfer Landesregierung halten sie nicht nur in Details für mangelhaft. Sie bezweifeln auch, ob diese Entwürfe die Gefahr abwenden können, daß die deutschen Ingenieurschulabsolventen gegenüber ihren Kollegen aus anderen EWG-Staaten benachteiligt werden, wenn über die Einzelheiten der vom nächsten Jahr an vorgesehenen Niederlassungsfreiheit innerhalb der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft entschieden wird.

Genügt das deutsche Ausbildungssystem den EWG-Anforderungen? Als die angehenden Ingenieure vor einem Jahr diese Frage stellten, schien man hierzulande aus allen Wolken zu fallen. Jetzt, nach einem Jahr, liest man, daß Ministerpräsident Kühn und sein baden-württembergischer Amtsgenosse Filbinger nach Brüssel reisen wollen, um den deutschen Ingenieurschülern zu ihrer EWG-Chance zu verhelfen. Angesichts dieser verspäteten Reise richtet sich der Vorlesungsboykott doch gegen ein Merkmal des Establishments: gegen den Schneckengang bei Reformen und gegen die träge Vorbereitung auf die Zukunft. chk.