Das abenteuerliche Projekt Walter de Marias – Polizei griff ein

Von Willi Bongard

Ich hatte meinen Freund Walter aus den Augen verloren; aber keineswegs aus dem Sinn. Denn das, wovon er mir bei unserer vorletzten Begegnung, es war im Spätherbst vergangener Jahres, erzählt hatte, war viel zu erregend (oder soll ich sagen: verrückt?), als daß im es hätte vergessen können.

Damals, weshalb soll ich es nicht gestehen, kamen mir leichte Zweifel an seinem Verstand. Mir schien, daß der frühe Ruhm, zu dem nicht zuletzt seine Beteiligung an der Kasseler Documenta 4" beigetragen hatte, ihm zu Kopf gestiegen sei, und ich machte mir ernsthafte Sorgen um seinen geistigen Gesundheitszustand. Zumal, da er so bleich und geistesabwesend auf mich gewirkt hatte.

Walter de Maria, der seinen klangvollen Namen seiner italienischen Abstammung verdankt, war gerade aus der kalifornischen Mohave-Wüste zurückgekehrt, wo er eine "Kreidezeichnung" hinterlassen hatte: zwei parallele Striche im Abstand von etwa drei Metern, eine halbe Meile lang, mitten durch die Einsamkeit.

Er wollte mir nicht verraten, wo genau es war; aber die Ernsthaftigkeit, mit der er mir von seinem ersten Wüstenabenteuer berichtete, ließ keinen Zweifel an seiner Strichkunst aufkommen. Wie er mir denn durch seine – unamerikanische – Ernsthaftigkeit, um nicht zu sagen Seriosität, immer schon aufgefallen war. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals eine scherzhafte Bemerkung von ihm vernommen zu haben, zu allererst in Sachen Kunst.

Walter hatte auf mich von Anfang an wie ein von des Gedankens Blässe angekränkelter Philosophiestudent gewirkt. Er spricht, wenn überhaupt, auffallend leise, fährt sich dabei wieder und wieder, wie von Zweifeln geplagt, durch sein kleinkrausiges Haar und rückt zwischendurch sein unansehnliches Nickelbrillengestell zurecht, das mit seiner Bescheidenheit korrespondiert.