Von Jörg Drews

Die gesammelten Texte Konrad Bayers, 1966 im Rowohlt Verlag unter dem Titel "der sechste sinn" erschienen, sind vergriffen. So entschloß sich der Verlag, zunächst wenigstens Bayers wichtigstes Werk nochmals herauszugeben –

Konrad Bayer: "der sechste sinn", Roman; Rowohlt Verlag, Reinbek; 110 S., 6,80 DM.

Die Anerkennung, die die Autoren der "Wiener Gruppe" nun allgemein erfahren, erreicht Bayer erst postum. 1962, zwei Jahre bevor er Selbstmord beging, hatte er nach kürzeren Arbeiten und den Gemeinschaftsproduktionen mit seinen Freunden an einem längeren Text, an einer Art Roman zu schreiben begonnen, und als er starb, war das Werk ziemlich abgeschlossen. Gerhard Rühm konnte die Manuskriptblätter in die wahrscheinlich von Bayer gewünschte Reihenfolge bringen; er hat nun, in dieser zweiten Ausgabe, im Anhang noch einige Fragmente beigefügt, die zwar zum "sechsten sinn" gehören, aber nicht genau einzuordnen sind.

Die Unruhe, die Depressionen, die Zweifel an der Sprache als einem brauchbaren Kommunikationsmittel, die Bayer in seinen letzten Jahren ergriffen hatten, sind in dem weitgehend autobiographischen Roman stark zu spüren. Daß das Werk aus lauter einzelnen Abschnitten von einer Zeile bis zu höchstens drei Seiten besteht, hat wohl weniger mit dem literarischen Prinzip der Montage zu tun – Bayer montiert ja nicht Vorgefundenes, sondern formuliert selber und benutzt nur manchmal eigene Sätze als leitmotivische Versatzstücke – als vielmehr mit seiner ganz persönlichen Verzweiflung über die Abwesenheit dessen, was man früher den "Sinn des Lebens" nannte. Die Reihung surrealistischer Erzählbruchstücke zu einem Roman ist nicht als "Experiment" zu verstehen, sondern als der genaue Ausdruck eines Gefühls der Zusammenanglosigkeit, als das strukturelle Korrelat einer existentiellen Erfahrung.

Verfremdet zu Personen und Szenen voller grotesker Widersprüchlichkeiten, voll traumhafter Inkohärenz und Verzerrung, tauchen im Roman die Freunde und die Umwelt Bayers auf. Hat man zu Beginn noch den Eindruck, als habe Bayer den grotesk-sprunghaften Stil Walter Serners nur ins Surrealistische gesteigert, so wird nach und nach eine immer stärkere Verzweiflung, ein immer größeres Gehetztsein, eine zunehmende Wirrnis sichtbar, in der sich Goldenberg, das Roman-Ich Bayers, verfängt. Bisweilen finden sich noch Sätze, die man im herkömmlichen Sinn poetisch nennen könnte: "es ist winter geworden, die Schmetterlinge verwandeln sich in Schneeflocken und tanzen auf der himmelsfahne."

Manchmal tauchen auch Reminiszenzen an die Gemeinschaftsarbeiten der Wiener Autoren auf, so, wenn Goldenberg mit Neuwerk (in dem deutlich H. C. Artmann zu erkennen ist) eine Art Duett aus dialoghaft assoziierten Sätzen singt. Doch es überwiegen die Abschnitte, in denen alles Gesprochene isoliert, folgenlos, verstört klingt; alles scheint ins Leere und am andern vorbei gesprochen, so daß die verbale Kommunikation schließlich ganz aufgegeben wird.