Unser Kritiker sah:

DIE NACHT DER MÖRDER

Schauspiel von José Triana

Braunschweigisches Staatstheater, Kl. Haus

Wenn über den Autor mitgeteilt wird: "José Triana gilt als der bedeutendste kubanische Dramatiker seit der Revolution", dann denkt man zunächst an Fidel Castro und erwartet ein Stück aus dem politischen Leben Kubas. Nichts dergleichen bietet der 38jährige Kubaner.

In den zwei Akten spielen drei erwachsene Kinder sich selber, ihre Eltern, imaginäre Besucher, Polizisten, Richter und Staatsanwalt. Am Anfang scheint Lalo, der Sohn, seine Eltern ermordet zu haben. Dann stellt sich heraus, daß er mit seinen Schwestern Cuca und Beba diesen Plan in verschiedenen Variationen erst als Probe durchspielt. Also reines Theater. Es schafft Gelegenheiten, die Verzweiflung einer Jugend zu beleuchten, die von terroristischen Eltern am eigenen Leben gehindert wird. Zwischendurch lernt man eine kleinbürgerliche Ehe kennen, die unter miesen Verhältnissen in Haß erstarrt ist. Jeder hat Angst. Wäre sie nicht, dann hätten die Kinder sich wohl schon längst von den Eltern befreit. Das eine Mädchen, Cuca, nimmt manchmal Züge einer Elektra an. Aber Lalo wird kein Orest. Zwar spielt er versuchsweise die Rolle des Mörders, doch: "Die Liebe... ich liebe sie trotz allem", die bösen Eltern. Die Mädchen deuten zum Schluß an, daß sie es eines Tages tun werden, "kaltblütig".

Dem Spiel auf der Bühne zu folgen, ist nicht ganz einfach, weil Hergang und Motive stark verschachtelt sind. Außerdem inszenierte der junge Gastregisseur aus Bremen, Hartmut Gehrke, das Stück als einen Wutschrei der Jungen gegen die Alten. Das geschah intensiv. Die drei Braunschweiger Schauspieler Gert Voss, Cordula Gerburg und Beate Tschudi waren der Hektik bis zum Schrei gewachsen, ohne sich zu überschreien. Dazwischen – außerhalb des eigentlichen "Spiels" – differenzierten sie durch leise Ironie. Die Spannweite von Gert Voss ließ besonders aufhorchen. Trotzdem blieb fraglich, ob Gehrke das Stück richtig interpretiert hat.

Werner Düggelin will "Die Nacht der Mörder" Fritz Kortner zur Inszenierung am Basler Theater anbieten. Diese Gegenprobe zur deutschsprachigen Erstaufführung von Braunschweig könnte aufschlußreich werden. Schon der Plan, Kortner für Triana zu interessieren, zeugt von der dramaturgisch richtigen Einsicht, daß "Die Nacht der Mörder" ein verkünsteltes Rollenstück alten Stils ist. Die einzelnen Szenen, obwohl alle von denselben Darstellern zu spielen, wurden in Braunschweig weniger deutlich gegeneinander abgesetzt, als es selbst der Autor in seinen Regie-Anmerkungen von den "Einblendungen" verlangt. Es gibt Macharten, die täuschen: Als "Der Schulmeister" von James Saunders in Hamburg (mit Werner Dahms) erstaufgeführt wurde, schien es sich um Theater des Absurden zu handen. Erst als Bernhard Minetti dieselbe Rolle in der Werkstatt des Berliner Schiller-Theaters spielte, stellte sich die psychologisch-realistische Grundkonzeption heraus. Auch für Trianas Stück muß – bei allem Respekt vor der Braunschweiger Gesamtleistung – die richtige Spielweise noch gefunden werden. Johannes Jacobi