Von Martin Greiffenhagen

Klaus Epstein: "The Genesis of German Conservatism"; Princeton University Press, Princeton N. J. 1966; 733 S., 17,50 Dollar

Läßt sich vom Liberalismus und Sozialismus trotz nationaler Eigentümlichkeiten in einem generellen Sinne handeln, so trifft dies auf den dritten großen Ideologienstrom neuzeitlichen politischen Denkens nicht zu: der Konservativismus gewinnt seine politischen Forderungen nicht im Blick auf die Zukunft, sondern beruft sich auf die Herkunft und bleibt somit stets an die historische Gestalt des Landes gebunden, in welchem er auftritt und wirkt. Wenn schon es also kaum statthaft ist, im singular generalis von "dem" Konservativismus zu sprechen, gibt es gleichwohl Gemeinsamkeiten unter den konservativen Bewegungen in Europa, welche sich aus der gemeinsamen Front gegenüber dem liberal-demokratischen und später sozialistischen Gegner ergeben, wie denn der Konservativismus sich von Anbeginn nur begreifen und von ihm selbst nur definieren läßt als eine Gegenbewegung, ein Gegendenken, hervorgerufen durch den Angriff aufklärerischer Philosophie und Politik.

Der Konservativismus bleibt auf diese Weise in ständiger Abhängigkeit von seinem Gegner, ja auf ihn fixiert: konservatives Denken ist defensives Denken. Eine konservative Theorie zu entwickeln ist (jedenfalls nach konservativer Auffassung) nicht möglich, weil sich konservative Werte gerade nicht in einem rationalen System einfangen lassen. Wenn es der politische Rationalismus war, welcher die Mannigfaltigkeit sozioökonomischer und politischer Verfassungen vernichtete, so will der Konservativismus den Blick gerade auf die verlorene oder verlorengehende Vielfalt gesellschaftlicher Strukturen zurücklenken. Die Weise dieses Rückblicks ist unter Konservativen verschieden. Epstein beginnt deshalb sein Buch mit der Entwicklung von drei Typen konservativen Denkens: den Verteidigern des Status quo, den Reformkonservativen und den Reaktionären.

Der Status-quo-Konservative ist zufrieden mit dem, was er hat, seine Gesellschaftsauffassung ist unhistorisch-statisch. Folglich erscheint ihm jede Entwicklung als eine Abweichung von den ewigen Prinzipien der "natürlichen" Gesellschaft. Die Verteidiger des Status quo sind meist Mitglieder der Oberschicht, mit Sinn für Ordnung, Autorität, Gesetz und etablierte Institutionen. Diese ideologische Position der Status-quo-Verteidiger aber hat IBM eigene Paradocie: "As the status quo changes, its defenders find themselves in the ridiculous position of justifying today what they had assailed only yesterday, because it has meanwhile prevailed despite their best efforts to the contrary." Will der Status-quo-Konservative dieser Paradoxie entgehen, wird aus ihm notwendig ein Reaktionär.

Der Reformkonservative sieht die Unausweichlichkeit historischer Entwicklung und gesellschaftlicher Veränderungen, wennschon er solche Veränderungen in der Regel wenig schätzt. So begleitet er politische Entwicklungen mit der Sorge, sie möchten sich nicht sprunghaft, sondern kontinuierlich und "organisch" vollziehen. Maßstab für solche Kontinuität ist ihm, häufig unbewußt, das Bild einer richtigen, guten Gesellschaft. Dieser Ontologismus findet sich in allen drei konservativen Typen. Der Reformkonservative gerät mit seiner Ideologie und Politik, welche der Entwicklung langsam folgt, notwendig in einen Zweifrontenkrieg: von Konservativen wird er häufig als Verräter angesehen, vom Fortschritt stets als rückständig bezeichnet.

Der Typ des Reaktionären gründet in der Erfahrung der Veränderung und dem Haß auf die gegenwärtig herrschenden Verhältnisse. Er sucht sein Ideal in einer häufig romantisch verklärten Periode der Vergangenheit. Der Ontologismus ist bei ihm besonders stark, das "alte Wahre" wird historisch eindeutig fixiert.