"Rotmord oder I was a German" von Tankred Dorst, Peter Zadek und Hartmut Gehrke. Daß man eine Kuh gleichzeitig melken und (aus-) schlachten kann, scheinen Zadek, Dorst und Gehrke mit diesem Taschenbuch beweisen zu wollen. Dorsts "Toller"-Stück, von dem Zadek und Minks eine Fernsehfassung unter dem Titel "Rotmord" gedreht haben, wird hier noch einmal für den Bücherfreund aufbereitet: Das Ganze sieht wie eine Mischung aus Andy Warhol, Probenbericht und Bilddokumentation über die Räterepublik aus – und ist deshalb eigentlich nichts von allem. Sicher werden die Autoren sagen, daß sie genau das vorhatten, daß sie einmal also in von Minks gezeichneten Comics und in Dokumenten über die Münchner Räterepublik zeigen wollten, was sie durch das ironische Zitieren des Tollerschen Autobiographie-Titels (I am a German) anstrebten: die locker servierte Feststellung, wie schwierig es sei, ein Deutscher zu sein. Und daß sie das Ganze so mit Fetzen vom Fernsehprotokoll durcheinanderquirlten, weil sie von der modischen Einsicht beflügelt waren, daß das Medium die Botschaft sei. Aber die eigentliche Botschaft, die das Buch vermittelt, heißt: Die Büchermühle will mahlen, sie ist hungrig und verschlingt alles. (Sonderreihe dtv 72; 3,80 DM)

Hellmuth Karasek

"V.", Roman von Thomas Pynchon. Wer oder was sich hinter "V." verbirgt, erfährt der Leser dieses Romans nicht. Eine Frau? Eine Stadt? Ein Land? Es handelt sich um eine Chiffre für das geheimnisvoll Unbekannte schlechthin, dessen Identifizierung nicht bloß ein Ding der Unwahrscheinlichkeit, sondern sogar nicht einmal wünschenswert ist. "V." wird in den nachgelassenen Papieren eines englischen Geheimdienstlers erwähnt, und dessen Sohn verbringt ein abenteuerreiches Leben mit dem Versuch zu klären, was. dahintersteckt. Die Überfülle von angebotenen Möglichkeiten spricht für die Vermutung, die Suche nach "V." sei für den Verfasser, über den nahezu nichts bekannt ist, lediglich ein Vorwand. Denn die Jagd nach "V.", die sich über drei Generationen und drei Kontinente erstreckt, hat am Schluß nicht mehr erbracht als eben diesen Roman. Das aber ist übergenug. Unmöglich, hier mehr über den Inhalt zu sagen. Nur eines noch: Ich halte "V." für das beste Buch eines jungen Autors seit Jahren. (Karl Rauch Verlag, Düsseldorf; 526 S., 25,– DM) Helmut Salzinger

"Töte, Gringo", Roman von Peter Heini. Offensichtlich wollte der Verfasser die politische, soziale und wirtschaftliche Lage Südamerikas am Schicksal eines Mannes darstellen, der einerseits unbeteiligter Beobachter ist (deshalb ist Beckmann ein Gringo, ein deutscher Einwanderer), andererseits aber doch in das Geschehen verwickelt, um beim Leser stärkere Anteilnahme auszulösen (deshalb wird Beckmanns Frau von Revolutionären ermordet). Nach diesem Konzept entstand der schlechte Roman über einen Abenteurer, der, aus Rachsucht CIA-Agent geworden, in der Wirrnis politischer Händel zwischen Castro-Revolutionären und CIA-Taktikern ebenso blind kämpft wie im Dickicht des peruanischen Urwalds. Der Held handhabt Machete und Pistole; ihn mit Verstand und Vernunft auszurüsten, fehlte es dem Autor nicht nur an Phantasie. (C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 287 S., 14,80 DM)

Elena Schöfer

"Lydia", Roman von E. V. Cunningham. Es geht um ein Diamantenkollier, das während einer Party gestohlen wird und doch im Haus der Besitzer bleibt, nämlich im Kühlschrank, wo es einige Zeit in einem Klumpen Schweineschmalz zubringt, bis es schließlich in der Handtasche der bestohlenen Dame wieder zum Vorschein kommt und sich dann außerdem noch als eine billige Imitation herausstellt, mit der ein paar feine Leute die Versicherung hereinlegen wollten. Die hat allerdings von Anfang an keine Lust, die Versicherungssumme auszuzahlen, und deswegen soll ihr Stardetektiv das Kollier schleunigst finden – die Reize eines Finderlohns und eines Mädchens namens Lydia machen ihm schnelle Beine. Frotzelige Reden führend, schlägt sich der Held mit wenig List und viel Glück durch die verzwickte Geschichte, ohne Haß ihm etliche Zwischenfälle viel anhaben können. Der Autor hat bestens für ihn gesorgt, ihm einen klugen Kopf und eine flotte Aufmachung gegeben, die Gegner bedrohlich scheinen, aber dümmlich handeln lassen, und Lydia wartet seitenlang darauf, von ihm endlich als Verlobte in die Arme genommen zu werden, was ihm nach getaner Arbeit dann auch prompt genehmigt wird. So leicht hatte es Chandlers Philip Marlowe nicht einmal, wenn gerade nichts Besonderes los war, und verglichen mit Chandler ist Cunninghams Krimi, um mit Chandler zu sprechen, "lauwarmer Gesundheitstee". (Verlag Droemer Knaur, München; 224 S., 14,80 DM)

Siegfried Schober