Bethel bei Bielefeld, im 19. Jahrhundert von Pastor Friedrich von Bodelschwingh als "Pflegeheim für hinfallende Kranke" gegründet, ist heute eine ganze Pflegestadt. Ältester Kern dieser Stadt ist das Diakonissenmutterhaus Sarepta, das jetzt hundert Jahre besteht.

Evangelische Diakonissen nehmen dem Staat und der Gesellschaft dort seit hundert Jahren die Fürsorge für Hilflose ab, die in der Gesellschaft keinen Platz haben. Von Geisteskranken wird in der Öffentlichkeit möglichst nicht gesprochen – ein bequemes Tabu, das heute noch ebenso funktioniert wie im neunzehnten Jahrhundert; gerade darum verdient das Jubiläum des Diakonissenmutterhauses öffentliche Aufmerksamkeit. Die Jahrhundertfeier von Sarepta fällt zudem in eine Zeit, da soziale und karitative Arbeit für das Ansehen der christlichen Kirchen so wichtig ist, wie nie zuvor: Ihre Sozialarbeit ist, so scheint es, das einzige Gebiet, auf dem die Kirchen nicht kritisiert oder in Frage gestellt werden.

Was Institutionen wie das Diakonissenmutterhaus in Bethel leisten, fällt den offiziellen Kirchen freilich als unverdienter Ruhm zu. Vom reichen Kirchensteuersegen haben die Betheler Schwestern nichts oder fast nichts. Sie finanzieren ihre Arbeit durch ihre Arbeit. Die 38 Millionen, die Sarepta jährlich aufwendet, kommen aus Pflegegeldeinnahmen seiner Krankenhäuser, aus dem, was die Schwestern erarbeiten, und aus Spenden zusammen. Staatliche Zuschüsse, beispielsweise für Schulen, sind relativ gering.

Pastor Bodelschwingh liebte es, seinen Gründungen biblische Namen zu geben. Manche müssen Außenstehenden erst erklärt werden, zum Beispiel der des Diakonissenmutterhauses: Sarepta ist ein Ort, an dem der Prophet Elia auf seiner Flucht bei einer barmherzigen Witve Aufnahme fand. Gilead, Bethesda, Magdala – andere Namen aus dem Alten Testament, sind heute Namen moderner Krankenhäuser der Diakonissinnen. Tradition wird groß geschrieben. In Bethel tragen die Schwestern noch die knöchellange Tracht aus der Gründungszeit. Nur die weiße Haube mit der steifen Schleife unter dem Kinn hat ihre alten, unpraktischen Rüschen eingebüßt.

Zum altfrommen Stil und der puritanischen Pflichtauffassung stehen moderne Krankenbehandlung und moderne Medizin nicht im Widerspruch. Die Welt außerhalb der Pflegestadt ist für diese Diakonissinnen, wie sie beteuern, nicht "der Sündenpfuhl der Hölle". Aber "der Schild des Glaubens", meinen sie, macht es ihnen möglich, selbst solche Lebewesen zu pflegen, die erschreckend wenig Ähnlichkeit mit Menschen haben.

Der materielle Lohn ist gering. Was die Schwestern erarbeiten, fließt dem Mutterhaus zu. Sie selber erhalten monatlich achtzig Mark Taschengeld, jährlich 120 Mark für Kleiderpflege und im Urlaub vierzehn Mark für den Tag. Für Wohnung, Kleidung und Verpflegung sorgt das Mutterhaus; im Alter versorgt es sie. Fünf bis sieben Jahre dauert die Vorbereitungszeit, während der ein Mädchen entscheiden kann, ob es Diakonisse werden will. Ob sie es ihr Leben lang bleiben möchte und kann, steht ihr zu entscheiden jederzeit frei. Das Gelübde ist lösbar, die Diakonissenanstalt kein Kloster.

"Leben für die Ärmsten und Schwächsten", "Selbstlose Wohltätigkeit", "Besinnen auf Jesus Christus", "Dienende Hinkehr zum Nächsten", "Frei sein für andere" – das sind Begriffe, die das neunzehnte Jahrhundert neu belebte oder prägte. In Bethel hat man sie niemals durch Worte wie "Sozialarbeit" oder "Fürsorgerische Tätigkeit" ersetzt. Bodelschwingh, der mit dem 99-Tage-Kaiser Friedrich III. befreundet war und von ihm als Bruder angesprochen wurde, sagte: "Bethel ist sicherer als Preußen." Er behielt recht. Vielleicht auch deshalb, weil Bethel so fest an seinen Traditionen festhält.

Ruth Herrmann