Die historische und geographische Lage der Tschechoslowakei reicht allein schon, die Krisen und Tragödien auszulösen, in denen sich das Dilemma zwischen Mut und Kapitulation immer wieder neu stellt. Das tschechische Volk hat nur deswegen überlebt, weil es selbst in den dunkelsten Zeiten eine kleine Flamme des Widerstandes nährte. Es ließ den Mut nie sinken.

Alle Welt redet von der ungelösten politischen Krise unseres Landes, aber unter der Oberfläche dieser augenfälligen politischen Krise verbirgt sich eine tiefere, gefährlichere moralische Krise.

Nur wenn die moralische Krise die Herzen der Tapferen und Kämpfer befällt, nur wenn ihre Überzeugungen und Prinzipien ins Wanken geraten, nur wenn die Werte fragwürdig werden und die Krise zur Gewissenskrise wird – nur dann besteht die Gefahr des moralischen Todes. Das ist der Punkt, an dem Taktik an die Stelle der Strategie tritt, Kompromiß an die Stelle der Taktik, und wo der Kompromiß anfängt, böse – in Masaryks Verständnis des Begriffes – zu sein, selbst wo es um Prinzipien geht.

Der Wurm der Lüge wird im Apfel der Wahrheit zu nagen beginnen. Weil Politik die "Kunst des Kompromisses" ist (wenngleich nicht nur des Kompromisses), weil Kompromisse zum Alltag der Politik gehören, wird es notwendig sein, die Politik den Politikern zu überlassen, das heißt den Kompromißlern, und andere werden ihre Zeit dem "unabhängigen kritischen Denken" widmen müssen, welches selbstverständlich – wenn auch kritisch – doch nur hilflos zuschauen muß, wie die Wahrheit von der Macht überwältigt wird.

Es gibt kein Mittel gegen die Angst außer dem Mut, kein Mittel gegen Kapitulation außer dem Widerstand, kein Mittel gegen Anpassung außer Integrität.