Von Hansjakob Stehle

Keinen Zentimeter werde ich in prinzipiellen Fragen zurückweichen." Hart und unbequem für Freunde und Gegner hat Gustav Husak am 16. April mit Sätzen wie diesem das Ruder eines Schiffes ergriffen, das nicht er zwischen die Klippen gesteuert hat.

Als vor fünfzehn Monaten in Prag Antonin Novotny gestürzt wurde, hätte niemand gewagt, als Nachfolger den Mann zu nennen, der rund zehn Jahre lang in Gefängnissen Novotnys gesessen hatte, der zwar als klügster Politikerder Partei galt, zu dieser Zeit aber – geladen mit Bitterkeit und Ressentiments – der Preßburger Akademie der Wissenschaften als Hilfsarbeiter diente. Ein so prominentes Opfer des Stalinismus, einen Mann mit bürgerlichem Habitus und juristischem Doktor, der als Titoist verschrien war, wagte das Prager Zentralkomitee nicht als Nachfolger anzubieten. Hätte man es dennoch riskiert, wäre die Reform gewiß langsamer und bedächtiger in Gang gekommen – ohne beim 21. August zu enden. Und heute wären die Reformer weiter, als es die jetzigen Umstände für lange Zeit erlauben werden.

Die Kompromißlösung hieß im Januar 1968 Alexander Dubček – damals noch keine legendäre Figur, sondern ein eher farbloser, anständiger Funktionär mit sowjetisch gefärbter Biographie. Noch im April 1968, als unter Dubčeks Leitung das Aktionsprogramm des neuen Reformkurses entstand, war Husak nicht einmal Mitglied des Prager ZK; zusammen mit Professor Goldstücker schrieb er zu dieser Zeit an einem Buch des Wiener Europa-Verlags ("ČSSR im Umbruch") – über die Freiheit und Gleichheit aller Bürger, von der Notwendigkeit, alle zivilisierten politischen Formen der Menschheitsgeschichte zu entwickeln und sich "nicht zu wundern, wenn die Menschen auch unrichtige Auffassungen äußern". Jetzt gehe es darum, schrieb Husak, die Mehrheit der Bevölkerung vom neuen Aktionsprogramm zu überzeugen.

Husak, von jeher ein aufmerksamer Kalkulator in der Politik, sah freilich auch die Gefahren des emotionalen Überschwangs. Er versicherte den mißtrauischen Nachbarn: "Wir denken nicht im geringsten daran, den Sozialismus abzubauen. Was wir liquidieren wollen, das sind die falschen Methoden und das Unrecht..." Daß die Partei nun ihre Linie "nicht durch Befehle, sondern durch die Glaubwürdigkeit ihrer Idee" durchsetzen könnte, wie es im Antwortbrief an die Warschauer fünf vom 18. Juli hieß, hoffte in jenen Monaten auch Husak, wie seine engsten Freunde bezeugen. Doch er bezweifelte – mit Recht, wie man bald sah –, daß sich auch Moskau und die anderen Verbündeten davon überzeugen lassen würden.

Illusionslos und durch harte Erfahrungen ernüchtert, ahnte er, daß die überschäumende Welle der Diskussion, all das, was er selbst eher milde als Mangel an "demokratischem Schliff" und als bloße "Überspitzungen" rügte, sich allmählich zum handfesten Vorwand für eine Intervention anhäufen könnte. Er bremste, er warnte – nun schon als stellvertretender Ministerpräsident.

Freilich, der nationale Eifer, mit dem er selbst die Föderalisierung der Tschechoslowakei betrieb, trug ebenfalls zur Beschleunigung der Entwicklung bei. Der Groll, den Husak gegen alle jene hegte, die seine eigene Rückkehr in die Politik behindert oder verzögert hatten (vor allem der damalige slowakische Parteichef Bilak gehörte dazu), riß auch ihn zu manchmal demagogisch klingenden Ausfällen hin.