Von Joachim Schwelien

Washington, im April

Als Präsident Nixon in seiner letzten Pressekonferenz zum Luftzwischenfall mit Nordkorea bewaffneten Geleitschutz für die amerikanischen Erkundungsflugzeuge ankündigte, aber von einer direkten Vergeltung Abstand nahm, teilte er ganz beiläufig mit, die Amerikaner hätten genau gewußt, was die Nordkoreaner zur Zeit des Abschusses auf ihren Radarschirmen beobachten konnten. Ebenso hätten die Amerikaner davon Kenntnis gehabt, was die Russen auf ihren Radargeräten in diesem Augenblick sehen konnten.

"Alle drei Radars (die nordkoreanischen, die sowjetischen und die amerikanischen) zeigtengenau das gleiche", bemerkte Nixon gleichmütig. Er gab damit bewußt und gezielt eines der streng gehüteten militärischen Geheimnisse im Spiel des "Elin" – der elektronischen Informationssammlung – bekannt, das den Fachleuten auf beiden Seiten geläufig ist, der Öffentlichkeit bisher aber vorenthalten blieb.

Diese Kunst im weiten Bereich militärischer Erkundung entstand bereits, als die drahtlose Telegraphie in den Dienst der Kriegsführung gestellt wurde und das Auffangen und Entschlüsseln gegnerischer Funksprüche wertvolle Aufschlüsse über Truppen- und Schiffsbewegungen des Feindes lieferte. Das war, gemessen an der heutigen Kompliziertheit der von Radar, Elektronik und Ultrakurzwellen abhängigen modernen Waffensystemen, noch ein relativ primitiver Vorgang. Er ist mit der Verfeinerung aller dieser Geräte zur Artistik entwickelt worden, und einer seiner letzten Errungenschaften ist die von Nixon mitgeteilte Möglichkeit, sogar zu sehen, was der andere sieht. Das geschieht durch das Auffangen von elektrischen Reflexen.

Als im Dritten Reich während des Krieges das Abhören feindlicher Sender mit schwersten Strafen bedroht wurde, ermittelten die Funkmeßtechniker der Gestapo die Hörer der verbotenen Sender durch das Anpeilen jener winzigen Sendefrequenz, die ein Radiogerät mit der gleichen Wellenlänge ausstrahlt, auf die es eingestellt ist. Der Massenabwurf von Aluminiumfolien zur Täuschung der "Rotterdam-Geräte", welche die deutsche Flak verwendete, wurde bereits von den Briten geübt.

Heute wird die elektronische Erkundung dreidimensional betrieben – vom Land und von der See, aus der Luft und aus dem Raum. Sie ist legitim und wird allseitig mit gegenseitiger Rücksichtnahme praktiziert, sofern dabei die ungeschriebenen Anstandsregeln eingehalten werden und das Hoheitsgebiet und der Luftraum der ausgespähten Nation respektiert wird. Hingegen wird das Überfliegen des beobachteten Staatsgebietes mit Erdtrabanten nicht beanstandet, weil die Flugkörper ihre Bahn außerhalb des direkten Anziehungsbereiches der Erde ziehen und nicht auf das fremde Territorium herunterfallen können.