Nach der Entmachtung AlexanderDub-čeks liefen die Geschäfte zwischen Prag und Moskau bei Wochenbeginn wieder annähernd normal. Der neue Parteichef Gustav Husak reiste am Dienstag zu einem Gipfeltreffen des "Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe" (COMECON) in die sowjetische Hauptstadt. Dort wurde er demonstrativ von Parteichef Breschnjew, Ministerpräsident Kossygin und Staatspräsident Podgorny auf dem Flughafen begrüßt. Ein erster Gedankenaustausch verlief in einer "Atmosphäre der Herzlichkeit und brüderlichen Freundschaft".

Auf der Tagesordnung der COMECON-Konferenz stehen eine Reform der Organisation, die Koordination der nationalen Wirtschaftspläne und Probleme des Zahlungssystems.

Am Rande des Ostblock-Gipfeltreffens könnte Husak den Sowjets, wie in Prag vermutet wurde, einen dringend benötigten Wirtschaftskredit und die Einstellung der unbeliebten Gegenleistung: "Zpravy" abhandeln. Gegenleistung: Das Versprechen, die führende Rolle der kommunistischen Partei in der ČSSR wieder unzweideutig herzustellen und die Freundschaft mit der Sowjetunion zu festigen.

Unter dieser Devise ist die neue Führung vorige Woche ausdrücklich angetreten, ohne daß sie die Grundprinzipien der Nach-Januar-Politik aufgeben will (vgl. die Reden Husaks unter "Dokumente der Zeit"). Husak kündigte einen "Kampf ohne Erbarmen" gegen "antisozialistische Kräfte" an, die er vor allem bei den Massenmedien, teils auch in den Gewerkschaften und in der Studentenschaft vermutet. Erste Folgen der "Politik der Entschlossenheit" waren scharfe Grenzkontrollen, die Beschlagnahme ausländischer Zeitungen und die Störung westlicher Rundfunksender.

Die Bevölkerung reagierte mit ängstlicher Zurückhaltung auf die jüngste Machtverschiebung. Studenten der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität und der Theologischen Jan-Hus-Schule in Prag traten im Montag ohne formellen Streikbeschluß in den Vorlesungsstreik. Auch in Pilsen, Budweis und Olmütz hielten Studenten Sitzstreiks ab. Die Rektoren wurden von der Parteiführung angewiesen, an den Universitäten für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Gegen unerbetene Straßendemonstrationen soll künftig Polizei, notfalls auch Militär eingesetzt werden. Der Zentralrat der tschechoslowakischen Gewerkschaften sicherte dem neuen Parteichef in einer Glückwunschadresse "volle Unterstützung" zu.

Die 187 Mitglieder des Prager Zentralkomitees hatten den bisherigen Parteichef Dubček am Donnerstag voriger Woche abgesetzt – 15 Monate nach dessen Amtsantritt am 5. Januar 1968, acht Monate nach der Besetzung der ČSSR im vorigen August, drei Wochen nach den Kundgebungen, mit denen die Bevölkerung den Sieg ihrer Eishockeymannschaft gegen die Sowjetunion feierte (vgl. die Zeittafel "Prager Tragödie – zweiter Akt"), Dubček weigerte sich, eine Rede zu halten, die zwei konservative Funktionäre ausgearbeitet hatten und in der er seiner Reformpolitik abschwören sollte. Unter starkem sowjetischem Druck nagelten ihn seine Gegner auf diese Unterlassung fest. Mit nur 22 Gegenstimmen wurde Gustav Husak (55), bislang Chef der slowakischen KP, zum Nachfolger Dubčeks gevählt.

Gleichzeitig wurde das Präsidium der KPČ umgebildet und von 21 auf 11 Mitglieder verkleinert (vgl. Bilderleiste links). In ihm sind "Realisten" (wie Husak, Cernik, Colotka, Sadovsky), Konservative (wie Bilak, Erban, Piller, Strougal) und Reformer (wie Dubček, Polacek, Svoboda) etva im Verhältnis 4:4:3 vertreten. An der Spitze steht der "Slowake aus Passion", Gustav Husak, den Stalins Schergen von 1951 bis 1960 inhaftiert hatten – ähnlich wie den Polen Gomulka und den Ungarn Kadar. Jetzt wurde er Parteichef in Prag – wie 1956 Gomulka nach dem "polnischen Oktober" in Warschau und Kadar nach dem ungarischen Volksaufstand in Budapest.