Von Jens Albrecht

Ein Varieté in Moskau, das Estradentheater, nicht sehr weit vom Kreml, ist Schauplatz eines Duells, das Millionen Menschen in der Welt so gespannt wie aufmerksam beobachten. Nach drei Jahren, nun zum 27. Male, wird wieder eine Schach-Weltmeisterschaft ausgetragen; und das weitbeste Matt wird abermals ein Sowjetbürger arrangieren. Der Sieger wird Tigran Petrosjan (er ist der Titelverteidiger) oder Boris Wassiljewitsch Spasskij (er ist der Herausforderer) heißen. 24 Partien lang sitzen sie sich gegenüber.

Das Duell oder, vielleicht besser gesagt, der Dialog mit König, Dame, Bauer ist entschieden, wenn der Titelverteidiger mindestens zwölf Punkte für sich bucht. Der Herausforderer aber muß, um Weltmeister zu werden, mindestens 12,5 Punkte erreichen. Für den Sieg gibt es einen, bei Remis einen halben Punkt. Daß der Titelverteidiger schon vor dem ersten Zug mit einem halben Punkt begünstigt wird, gehört zum Reglement. Auch vor drei Jahren schon hatte Tigran Petrosjan diesen Halb-Punkt-Vorsprung.

Überhaupt erscheint alles wieder so wie im Frühsommer vor drei Jahren, als der Weltmeister Petrosjan und der Herausforderer Spasskij schon einmal, acht Wochen lang miteinander gerungen hatten. Putzfrauen haben das nußbraune Podest, den Kampfplatz, auf Hochglanz poliert. Die ellipsenförmige Uhr steht an gleicher Stelle. Petrosjan sitzt, vom Zuschauerraum aus betrachtet, rechts, Spasskij links. Beide haben beim ersten Zug ihren besten Anzug getragen. Die Schar der Photographen hatte die gleiche Szene vor der Linse wie 1966.

Und doch ist vieles anders geworden. Da hat es zum Beispiel den abrupten Gesinnungswandel im Gefolge der beiden Schach-Könige gegeben: Hatte vor drei Jahren Boris Spasskij auf der ganzen Welt bei den Beobachtern mit ihren Steckschachbrettern als der große Favorit gegolten, so ist er jetzt nur noch Publikumsliebling. Er gilt zwar als der bessere Turnierspieler, als der große Streiter im Kampf gegen mehrere Gegner, und solche erfolgreichen Strategen sind die eigentlichen Heroen im Schach. Publikumsliebling ist Boris Spasskij auch deswegen, weil das Schachvolk sich insgeheim einen Thronwechsel wünscht und stets mehr Sympathien für den Herausforderer als für den Etablierten hegt; Aber Tigran Petrosjan ist ein Mann, der solche Hoffnungen beherzt zu zerstören weiß.

Er ist ein Mann der Maske, ein listiger Verwandlungskünstler, der drei Jahre lang, jeweils zwischen den Weltmeisterschaften, als eine Art Außenseiter durch die Turniersäle zieht und bei der Siegerehrung mit der Kamera bei der Hand ist, wenn irgendeinem aus dem Troß Siegerpokal und Scheck überreicht werden –, denn es ist immerhin möglich, daß er da einen zukünftigen Gegner aufs Bild bannt. Das Photo könnte für seine Studienzwecke geeignet sein; Tigran Petrosjan studiert seine Gegner im Detail.

Und Boris Spasskij ist dem Weltmeister, dem Denker aus Armenien, so vertraut wie das eigene Ich. Tigran Petrosjan studiert nicht nur die Gedankensprünge des Rivalen; er analysiert Charakter und Umwelteinflüsse, liest in der Physiognomie des anderen, kennt dessen Lieblingszigarette, dessen Alpträume. Der Gegner wird von ihm schon vor dem ersten Zug "geröntgt".