Von Sepp Binder

Frankfurt, im April

Als der blonde Bartträger im Gallus-Saal an der Frankfurter Frankenallee 111 seine "linkssozialistische Zeitung" gratis auf die bierverschmierten Tische legen wollte, stoppte ihn ein älterer Saalschützer. Die roten Gazetten schienen ihm zu gefährlich zu sein: "Der bringt hier alles durcheinander. Schließlich wollen wir ja eine Linie hineinbekommen." Die erhoffte Linie indes ließ sich nicht finden: Der Gründungskongreß der Demokratischen Union (DU) scheiterte bereits an seinem Anspruch, antiautoritär zu sein.

Immerhin hatten sich mehr als 300 DU-Anhänger aus dem Feldlager der APO versammelt, um "Freiheit, Demokratie und Sozialismus" zu beschwören und eine neue Plattform für den nächsten Bundestagswahlkampf zu errichten. Parolen aber verhalfen nicht zu linken Erkenntnissen. Dazu war die Versammlung zu bunt und die Basis zu schmal. Zwischen den bereits in die Gesellschaft entlassenen Kindern der deutschen Revolte – dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und dem linken Wahlbündnis Aktion Demokratischer Fortschritt (ADF) – wollten sie sich ansiedeln: der "Bund der Bürgen für Demokratie" aus dem Ruhrgebiet, der "Sozialistische Bund Südbaden und Hochschwarzwald", die Rudolf-Steiner-Arbeitskreise "Dreigliederung" aus den Republikanischen Clubs und Haußleiters nationale "Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher" (AUD). In ihrem Sog kamen auch jene ideologischen Einzelmarschierer in die Mainmetropole, die den Ideen von einer besseren Gesellschaft von jeher hinterherhinken. Ein sozialistisches Sammelsurium war aufgeboten, die Welt – Zumindestens die linke Welt – aus den Angeln zu heben.

Konkret und konsequent, so gelobten die DU-Organisatoren, wolle man die Massenbasis erobern, ohne rote Fahnen. Und der Lacher fuhr erschrocken auf, als sich zwei Fäuste um seinen Maokragen ballten: "Wir sind antiautoritär – merk dir das. Wir achten die Meinung des Andersdenkenden. Da lacht man nicht so dreckig."

Ein Häufchen von Maoisten schickte einen Genossen an die Front. Auf seine Gretchenfrage, wie man es denn hier mit dem Marxismus halte, antwortete erregt der DU-Initiator und Rudolf-Steiner-Exeget Schilinski: Hier, brüllte er, mache man die Oberflächlichkeit, zum Marxismus Stellung zu nehmen, nicht mit. "Mach Selberdenken dir zur Regel, und schwöre nicht auf Marx und Hegel!"

Aus einer Ecke kam der Ruf: "Wo ist denn der Genosse Haußleiter? Den brauchen wir." Da wurden die alten AUD-Mannen munter. Und August Haußleiter aus Bayern, einst Mitbegründer der CSU und Landtagsabgeordneter, ließ sich nicht lumpen. Auf den Disput mit den heimatlosen APO-Jüngern hatte er sich gut vorbereitet: Sein weißer Rollkragenpulli war unkonventionell, ungewöhnlich war auch sein Bekenntnis zur "Linken".