Köln

Der Kölner CDU-Stadtverordnete Arnold Zillikens witterte Verdruß. "Die wollen uns verschaukeln", murrte der 74jährige Bauer und Besitzer von 100 Morgen Land. Der Grund für den Unmut des Ratsherrn: Die Stadt Köln beabsichtigt, in ihrem Norden, der zur Zeit von rund 30 000 Menschen bewohnt wird, Industrie anzusiedeln. Die Folge wäre unter anderem, daß mehrere Dörfer mit jahrhundertealter Tradition ihre Eigenständigkeit verlieren und von der Landkarte verschwinden müßten.

Gegen diesen Plan haben sich nun in den betroffenen Ortschaften Fühlingen, Rheinkassel, Feldkassel und Langel die Bürger empört, Existenzsorgen, die Angst vor einer ungewissen Zukunft und die Furcht vor neuer Luftverunreinigung sind die wesentlichen Gründe, die Kölns Nordbewohner . auf. die Barrikaden brachten. Denn kommt erst die Industrie, so wird argumentiert, werden etliche Kleinbetriebe das Feld räumen müssen. Und wer weiß, argwöhnen die Betroffenen, wie es mit Entschädigung steht.

Arnold. Zillikens, der diese Region seit 16 Jahren als Stadtverordneter und Bürgervereinsvorsitzender betreut, hat sich – zum Unwillen seiner CDU-Parteifreunde – zum Sprecher des Nordens gemacht. Mit der Attitüde eines Michael Kohlhaas marschiert er von Bürgerversammlung zu Bürgerversammlung und schürt das Feuer.

Die Stimmung unter der Bevölkerung artikuliert er so: "Der Norden ärgert sich, daß er von der Stadt als Spekulationsobjekt behandelt wird." Denn das, was jetzt durch die Indiskretion einer Zeitung an die Öffentlichkeit gelangte, sollte eigentlich bis zu den nächsten Kommunalwahlen geheimgehalten werden, weiß Zillikens zu berichten. Tatsächlich begannen die Querelen um den Kölner Norden mit dem Projekt einer Satellitenstadt, die hier, Ende der fünfziger Jahre, entstehen sollte. Zur Hälfte wurde der Plan verwirklicht. Doch die 18 000 Menschen, die hier ihre schönen aber recht teuren Wohnungen fanden, merkten, "daß sie übers Ohr gehauen worden waren", wie Arnold Zillikens jetzt behauptet, denn noch heute warten die Bewohner der "neuen Stadt" auf die versprochene schnelle Verkehrsverbindung mit der Kölner Innenstadt. Noch heute fehlt das versprochene Einkaufszentrum im Norden, ist der Weg nach Düsseldorf fast näher als zu den kölschen Gefilden. Und in der Luft über diesem Gebiet sieht es auch recht trübe aus. Die nahe Nachbarschaft der Bayer-Werke und der ESSO-Raffinerien haben den Traum vom "schöner Wohnen" nach Ansicht der Bürger längst zu einem Regie-Gag aus dem Bereich des absurden Theaters werden lassen.

"Und jetzt noch die Industrieansiedlung", stöhnt Ratsherr Zillikens. Im Kölner Rathaus schweigt die SPD, die die absolute Mehrheit besitzt. Und erst nach langem Ringen entschloß sich der Kölner CDU-Fraktionsvorsitzende Rudi Conin zu dem Versprechen, vor jeder Entscheidung erst einmal die Bürger anzuhören.

Die aber wollen nicht mehr warten. Sie wollen die Angelegenheit auf eigene Faust regeln. Arnold Zillikens verspricht kampfeslustig, sich mit "Zähnen und Klauen" zu wehren. Es ist daran gedacht, bei der Landesregierung eine Verschiebung der Kommunalwahl zu erreichen. Außerdem natürlich die zeitgemäßen Formen des Protests – Demonstrationen, Flugblätter und öffentliche Diskussionen. Wolf Scheller