Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist eine Institution, die auf ein Gesetz vom 14. August 1963 zurückgeht. Aufgabe dieses Sachverständigenrates ist es, "zur periodischen Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland und zur Erleichterung der Urteilsbildung bei allen wirtschaftspolitisch verantwortlichen Instanzen sowie in der Öffentlichkeit" beizutragen. Das Gesetz beauftragt den Sachverständigenrat, die jeweilige gesamtwirtschaftliche Lage und deren absehbare Entwicklung darzustellen und zu untersuchen, "wie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig Stabilität des Preisniveaus, hoher Beschäftigungsstand und außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wachstum gewährleistet werden können".

Der Sachverständigenrat ist kein Beratergremium der Bundesregierung. Seine Mitglieder, die vom Bundespräsidenten berufen werden, sind nur an den vom Gesetz begründeten Auftrag gebunden und in ihrer Tätigkeit unabhängig.

Der Sachverständigenrat besteht aus fünf Mitgliedern – im Volksmund die "Fünf Weisen" genannt –, die über "besondere wirtschaftswissenschaftliche Kenntnisse und volkswirtschaftliche Erfahrungen verfügen müssen". Gegenwärtig gehören dem Rat nur vier Mitglieder an, nämlich die Professoren Wilhelm Bauer, Herbert Giersch sowie die Staatsminister a. D. Dr. Harald Koch und Dr. Manfred Schäfer.

Das fünfte Mitglied, Professor Dr. Wolfgang Stützel, schied im September 1968 aus dem Rat aus. Als Grund hierfür wurden in einer offiziellen Mitteilung des Rates "unterschiedliche Auffassungen innerhalb des Sachverständigenrates über die zweckmäßige Arbeitsweise zur Erfüllung des gesetzlichen Auftrages" genannt.

Das Ausscheiden von Professor Stützel hat seinerzeit Aufsehen erregt und in der Öffentlichkeit zu den verschiedensten Vermutungen Anlaß gegeben. Worin im einzelnen die "unterschiedlichen Auffassungen" bestanden haben, ist bis heute nicht bekannt. Man geht indessen nicht fehl in der Annahme, daß Professor Stützel abweichender Auffassung in der Beurteilung der wirtschaftlichen Lage war, wie sie sich im Zeitpunkt der Abgabe des Jahresgutachtens des Sachverständigenrates darstellte. Das gilt insbesondere für die Beurteilung der Maßnahmen zur Absicherung der inneren Stabilität. Es ist bekannt, daß Professor Stützel die Auffassung seiner Ratskollegen nicht teilt, die eine Wechselkursänderung (Aufwertung der Mark) als Mittel zur Verhinderung eines weiteren Preisauftriebs ansehen.

Professor Stützel hat seinerzeit von seiner gesetzlich verbrieften Möglichkeit, seine abweichende Auffassung im Gutachten zum Ausdruck zu bringen, nicht Gebrauch gemacht.

Unser Redaktionsmitglied Willi Bongard hat in der ZEIT Nr. 15 vom 11. April (Der Ex-Weise aus dem Saarland) die Vermutung geäußert, daß Professor Stützel in rechtswidriger Form daran gehindert worden sei, seine abweichende Auffassung zum Ausdruck zu bringen. Er hat außerdem den Verdacht ausgesprochen, daß sich Professor Stützel massiven Pressionen ausgesetzt sah.