Von Toni Kienlechner

Ich frage mich noch immer, was dieser Text von Peter Weiss eigentlich sei. Ich frage mich, was ich darin gefunden habe und was wir alle zusammen daraus gemacht haben...", schreibt Giorgio Strehler im Programmheft zum "Gesang vom lusitanischen Popanz". Es lohnt sich, dieses Programmheft zu studieren, ehe man das exquisiteste Theaterereignis dieser römischen Saison kommentiert.

Das Heft ist silbergrau und groß wie ein Meßbuch: eine bibliophile Kostbarkeit. Silberne Blankseiten unterteilen die preziös gedruckten Textspalten. Es sind nicht, wie man meint, Gedichte, sondern Informationen: über die Bevölkerungsdichte in Afrika, dazu auf Silber gedruckte stilisierte Landkarten, ausfaltbar auf Meterlänge, Photomontagen aus den Unabhängigkeitskämpfen (viele Gewehre, Folterszenen), alte Stiche der Kolonialfestungen und Darstellungen des Sklavenhandels. Viele Texte: unter anderem ein Gespräch mit Peter Weiss, der gerade in einer Ostberliner Bierkneipe "ein riesiges Eisbein in wenigen Minuten verschlingt", sehr viele Brecht-Zitate, übers Silberpapier ästhetisch verteilt, Zitate, Bilder, Lebensläufe der farbigen Freiheitskämpfer Neto und Modlane, auf einer knappen schwarzen Seite das Verzeichnis der Mitwirkenden. Am ausführlichsten der tiefbewegte Geleittext von Giorgio Strehler.

Daß dieses bibliophile Juwel eines Programmheftes dennoch nur 400 Lire (2,80 Mark) kostet, ist wohl den vielen ganzseitigen Reklamen zu danken.

Nach der befremdenden Anzeigenlektüre blättern wir weiter zu Giorgio Strehlers Selbstbekenntnis, mit dem er gleichzeitig dem Kritiker die Arbeit abnimmt. Was zur Aufführung zu sagen ist, sagt Strehler selber. Theaterleidenschaft und "Engagement" beben in jeder Zeile – glaubwürdig und echt. Die "Geburt eines Schauspiels" erfüllt Strehler mit einem "Rausch aus Angst und Liebe". Die von ihm neugegründete "Gruppe Theater und Aktion" sei ein Kollektiv, aus dem heraus sich alles von selber geformt habe: "Gefühle, Ordnung, Regeln, Riten, menschliche Beziehungen – und alles mit einer Stärke, einer Wärme, einer Solidarität, die ich in meiner langen Theaterkarriere nie zuvor gefunden habe. Was immer auch geschehen mag – es hat sich in dieser Verwirklichung eines Theatertextes eine .Verwirklichung von Leben‘ abgespielt, ein Ergebnis, das süß und maßvoll, absolut und nicht mehr umkehrbar ist." Worte der Rührung und des Dankes an alle, die zu dieser Gemeinschaft gehören.

Was aber hat die Gemeinschaft aus diesem Text gemacht? "Weiss hat uns einen Text in die Hand gegeben, der absolut ,offen‘ ist, voller Anregungen, aber ohne ein Sicherheitsnetz darunter, ohne Stützen. Nicht einmal die Stütze der Poesie... Weiss wollte, daß wir uns die ,Poesie‘ selber suchen, während der tagtäglichen Erarbeitung ... Er hat uns eine Sache in die Hand gegeben, die ‚nackt‘ ist, nicht formlos, sondern sogar genau vorgezeichnet, aber nackt, es ist mehr als ein Umriß, aber weniger als ein ‚Drama‘, Weniger als ein Weltliches Oratorium’."

Und hier müssen wir uns von den weiteren Ausführungen Strehlers trennen, um selber eine Meinung über die Inszenierung zu sagen: sie war meisterhaft – unübertrefflich meisterhaft gemacht, und nicht einen einzigen Augenblick lang hatte man die Chance, diese Brillanz der Regie zu vergessen.