Wer bei diesem Stück – es galt und gilt ja vorwiegend als das Musterbeispiel einer "romantischen Tragödie" – gerührt-gebannt nur auf das klassische Liebespaar blickt, der muß den Rest als störende Fassade empfinden, genauer: als Schicksal, böses Fatum, das es zweien, die einander ganz verfallen sind, nicht erlaubt, bei sich zu bleiben. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, hat man das Drama der beiden "starcrossed lovers" gern zu den Stücken Shakespeares gerechnet, die noch ebensoviel Mittelalter enthalten wie schon Neuzeit; Mittelalter, das heißt: die Menschen unter Fortunas Rad, zermahlen von einem blindwütigen Zufall, der hier den göttlichen Heilsplan nur noch insofern widerspiegeln könnte, als der Opfertod von Romeo und Julia dem Haß der beiden verfeindeten Häuser entspringt und den Haß beendet.

Langer Einleitung kurzer Sinn: Herrscht eine solche Stückauffassung in einer Inszenierung vor, dann können die beiden Liebenden nur als Klischees von Liebeslust und -leid betrachtet werden, als verklärte Donald-Duck-Normen, denen man im Parkett die Einsicht abringt, daß kurze, auf die Hochzeitsnacht beschränkte Ehen zwar tragisch, aber schön sind, daß aber – andererseits – sich der wehe Jubelruf von Lerch und Nachtigall nicht hätte zur silbernen Hochzeit hinüberretten lassen – auch bei Romeo und Julia nicht.

So entscheidet über das Gelingen von "Romeo und Julia"-Aufführungen eigentlich nicht, wie glaubwürdig das Liebespaar mit der tausendfältig zu Tode zitierten Poesie der Liebe fertig wird, so daß sie neu und herrlich wirkt wie am ersten Tag, sondern mindestens in gleichem Maße, wie es die Regia mit drei Stückkomponenten hält.

Sie muß (erstens) erkennen, daß der heilkräutersammelnde Mönch nichts weniger ist als ein gütiger Weihnachtsmann, der da der Liebe immer wieder auf die (dramaturgischen) Sprünge helfen möchte. Wer ihn so sieht, übersieht die "macchiavellistischen" Züge des Kirchenmannes, der aus den Liebenden auch einen Hebel und ein Werkzeug gewinnen möchte, eine mit haßerfüllten Leidenschaften sich selbst zerfleischende Stadt zur Räson zu bringen.

Spätestens seit Zeffirellis (Bühnen)-Version des Stückes weiß man (zweitens) wieder, daß dies auch ein Stück von jugendlichen Banden ist, von Jungmänner-Horden, deren Zwang den Romeo solange verspottet, weil der den Mädchen nachläuft und dabei seine "Pflichten" vernachlässigt, bis er zwanghaft den Tybalt töten muß.

Hans-Joachim Heyse, der Romeo und Julia jetzt zu den Bochumer Shakespeare-Tagen neu inszenierte, hat in seiner klugen, mitreißenden Inszenierung dazu noch nachdrücklich und erfolgreich auf ein drittes Moment aufmerksam gemacht. Daß nämlich (neben den Gruppenzwängen für den jungen Mann im Renaissance-Verona) die Familienzwänge für das junge Mädchen ausweglos bestehen. Die Familie Capulet zu erleben, samt geschwätziger, vollbusiger Amme (Tana Schanzara), war in Bochum abenteuerlich aufregend: Da gab es die Mutter aus besserem Hause (Christine Kayssler), deren mondäne Kälte die Tochter schon allein hätte zu Romeo treiben müssen. Und es gab vor allem einen stets übermüdeten Vater (Jaromir Borek), der sich gesellschaftlich überstrapaziert; eine Inkarnation wilder, sinnloser Geschäftigkeit, deren Jähzorn ein schlechtes Gewissen übertönt. Eigentlich hat diese Figur auch am Schluß keineswegs Versöhnung gelernt: der alte Capulet und der alte Montague werden ihren Konkurrenzkampf nur vom Schwert auf das Errichten von goldenen Standbildern übertragen. Frühkapitalistisches free enterprise kann beginnen: die späteren, kunstgierigen Touristen werden’s danken.

Blickt man – wie Heyse es tat – so genau auf die Umwelt der beiden Liebenden, dann wird klar, wie sehr das Stück in dem Shakespeareschen Individualisierungsprozeß steht, den alle seine Stücke dem erwachenden Selbstbewußtsein seiner Zuschauer vorführten: als Prozesse der Übersteigerung und Übertreibung. So genau Shakespeare die sozialen Fesseln und Bindungen seiner Zeit analysierte, so nötig er seine "Helden" über sie erhebt – er zeigt den Prozeß gleichzeitig als Gefährdung. Er zeigt, wie Liebe asozial macht, wie sie als hitziges Feuer nicht einmal zur Familiengründung taugt.