Vor der Sendung forderte der Sprecher des WDR die Zuschauer auf, ihr Gerät jetzt noch genau einzustellen: was nachher komme, sei kein falsch eingestelltes Bild, Sondern ein neues Verfahren. So war es auch: Peter Zadek hatte für seine mit Tankred Dorst und Wilfried Minks nach dem "Toller"-Drama verfertigte Fernsehfassung Negativfilm und Positivfilm so gemischt, übereinanderkopiert, daß der flimmernd-unscharf-scharfe Eindruck historischer Filmdokumente entstand. Diese "Verfremdung" – da das Wort nun schon mal in falschem Gebrauch im Umlauf ist – war nicht die einzige, die Zadek seinem Fernsehspiel zufügte, dabei mit Recht von der Überlegung ausgehend, die meisten Fernsehspiele nutzten das Medium nicht aus, sondern seien entweder Tagesschau oder abphotographiertes Theater. Zadek blendete immer wieder distanzierende Hinweise ein, etwa wer wen spielt, drehte die Aktionen aus ungewöhnlichen Perspektiven oder ließ Toller und Leviné durch das München von 1968 spazieren, während sie die Probleme von 1919 besprachen.

Das war ein geschicktes Distanzierungsmittel: den Zuschauer nicht zum Schlüssellochgucker der Geschichte zu machen, sondern ihm gleichzeitig den Eindruck zu vermitteln, wie die Wirklichkeit die Episode Räterepublik auch in München hinter modernen Kaufhausfassaden scheinbar spurlos hinter sich gelassen hat.

Die Gefahr bei Zadeks Verfahren: ästhetische Reizwerte schoben sich über thematisch interessante Auseinandersetzungen und verspielten diese. Aber Zadeks bittere Ironie schien die Räterepublik ohnehin nicht so gräßlich ernst zu nehmen. Was er statt dessen riskierte, war ein Stück, das streckenweise scheinheilig so tat, als ginge es auf mögliche Vorurteile der Zuschauer ein (auf den Antisemitismus etwa). So vermittelte die Aufführung eine gewiß nicht unwichtige Komponente des "Toller"-Stücks: nämlich die, welche Abwehrmechanismen eine Räterepublik noch heute bei uns in Bewegung zu setzen vermöchte. Daß der historische Versuch von München kläglich und dilettantisch genug ausfiel, ist ja dabei zwangsläufig nur die Kehrseite der Medaille. Hellmuth Karasek