Von Hang von Kuenheim

Sein Herz war wieder einmal voll. Henri Nannen, Chefredakteur des stern, mußte sich seinen Lesern ganz einfach mitteilen. In einem Brief an sie berichtete er unter der anspruchsvollen Überschrift "Von der Freiheit eines Zeitungsmenschen über das Redaktionsstatut, das sich das Hamburger Magazin geben will.

Es gelte zu sichern, so schrieb er, "was die Journalisten dieses Blattes sich gemeinsam mit den Verlegern erarbeitet haben: die Freiheit der Redaktion, zu schreiben wie bisher, was sie meint – ohne daß einer deshalb wirtschaftliche oder andere Nachteile befürchten müßte. Und das Statut soll auch für die Zukunft verhindern, daß finanzielle Transaktionen diese Grundvoraussetzung unserer Arbeit in Frage stellen können." Von Grün war die Rede, das sich ausbreiten könne über die "zunehmend verdorrende Presselandschaft", und vom Saatgut, das die gutbezahlten stern-Redakteure willens sind, abzugeben.

Mit anderen Worten: Die 132 stern-Redakteure wollen in die Annalen der Pressegeschichte eingehen als die Vorkämpfer einer Pressefreiheit, die die Rechte und Pflichten der Journalisten gegenüber den Verlegern neu definiert und festlegt.

Einen ersten Schritt haben sie getan. In wochenlangen Beratungen hat ein Gremium, in dem die leitenden und politischen Köpfe des Blattes, einschließlich Henri Nannen, zusammensaßen, ein acht Punkte umfassendes Papier ausgearbeitet. Es soll erst dann veröffentlicht werden, wenn Klarheit über seine endgültige Form herrscht. So lange werden die acht Punkte wie eine jener Geschichten behandelt, die der stern für viel Geld seinen Konkurrenten vor der Nase wegschnappt und deren Exklusivität dann streng gehütet wird, bis der Knüller an den Kiosken in klingende Münze umgesetzt wird.

Doch Journalisten sind zuweilen schwatzhaft. Erste Perlen aus dem stern-Schatzkästlein gerieten ins Fernsehen und in den Spiegel. Den Betroffenen gefiel das gar nicht. Sie, deren hervorstechende Eigenschaften nicht gerade die persönliche Rücksichtnahme ist, möchten ihr Anliegen ernsthafter betrachtet wissen als in Bildschnitten, welche sie zu sittsamen Kirchenratsmitgliedern stempeln, die gegen ihren Gemeindepfarrer rebellieren. Da hieß es im Spiegel, Nannen "warf sich zum Sachwalter seiner Redakteure auf". Ein Mao-Nannen an der Spitze der stern-Kulturrevolution? Davon kann keine Rede sein, erklären die Betroffenen. Sie müssen es wissen! Denn am letzten Freitag haben sie ihren Chef mit einer Mehrheit von 84 Prozent in den redaktionellen Beirat gewählt, der aus sieben Redakteuren besteht und dessen erste Aufgabe es sein soll, das geplante Statut den Verlegern schmackhaft zu machen. Die Wahl hat nur das gezeigt, was man schon vorher wußte: Der stern ist Nannen, wie Augstein der Spiegel ist – beide sind nicht abwählbar.

Aber noch etwas anderes zeigt die Zusammensetzung des neuen Redaktionsbeirates: Es wurden alle die gewählt, die das Blatt machen und prägen, die stellvertretenden Chefs – Schuller und Gillhausen –, die politisch Engagierten – Gründler und Bissinger, und der bedächtige Reporter Jaenecke. Das Establishment wurde also bestätigt; nicht Revoluzzer wie der schönschreibende Linksaußen Erich Kuby geben den Ton an. Der Beirat wie auch die acht Punkte des Statuts sind – bezeichnet in heutiger Terminologie – systemimmanent und revisionistisch, kurz: moderat.