Von Gerhard Prause

"Lebensabende, diese Lebensabende! Die meisten mit Armut, Husten, krummen Rücken, Süchtige, Trinker, auch einige Kriminelle, fast alle ehelos, fast alle kinderlos, diese ganze bionegative Olympiade, eine europäische Olympiade, eine zisatlantische, die den Glanz und die Trauer des nachantiken Menschen durch vier Jahrhunderte trug. Wer glücklich geboren war, bekam vielleicht ein Haus, wie Goethe und Rubens, wer schmal gestellt war, malte lebenslänglich, ohne einen Sou in der Tasche, seine welligen Oliven, wer im Zeitalter lebt, das den Weltraum erobert, blickt aus seinem Hinterzimmer auf einen Kaninchenstall und zwei Hortensien,"

Gottfried Benn 1954 in seinem Vortrag "Altern als Problem für Künstler".

Es war Gottfried Benn selber, der im Alter aus seinem Hinterzimmer auf einen Kaninchenstall und zwei Hortensien blickte. Andere haben sehr viel weniger. Man kann es aus zwar gut gemeinten, aber in gewisser Weise verhängnisvoll wirkenden Zeitungsschlagzeilen herauslesen: "Münchens alte Leute leben einsam – viele liegen wochenlang tot in ihrer Wohnung", "Mit 65 warten auf den Tod", "Ihr Leben ist schon vor dem Tod zu Ende" und – über Altersheime – "Abgetan wie ein Autofriedhof".

Trotzdem: gar so schlimm ist die Sache mit den Alten doch wohl nicht. Zwar stimmt es, daß die Zahl der Über-65jährigen ständig wächst (was vor etwa anderthalb Jahren einige Redakteure von Schülerzeitschriften zu der Forderung veranlaßte, die Menschen gar nicht erst so alt werden zu lassen, sondern sie schon mit 60 einzuschläfern, um die arbeitende Bevölkerung von der Versorgungspflicht für die Alten frei zu machen). Auch hier noch einmal die oft zitierte Zahlenkurve, die viele so schreckt: Zu Beginn des Jahrhunderts waren nur knapp fünf Prozent der deutschen Bevölkerung 65 Jahre alt, heute sind es (in der Bundesrepublik) zwölf Prozent; und bis 1980 soll ihr Anteil auf nahezu fünfzehn Prozent gestiegen sein. Dann werden fast 2,2 Millionen alte Menschen mehr unter uns leben als heute, insgesamt über neun Millionen. Das bringt zweifellos Probleme.

Aber sie leben besser, selbstbewußter, die Menschen über 65, und vor allem weitaus zufriedener, als man es sich gemeinhin vorstellt. Das zeigt eine vom Kölner Institut für Empirische Sozialforschung angefertigte Untersuchung "Zur Situation der alten Menschen in Rheinland-Pfalz", die vom rheinland-pfälzischen Sozialminister Dr. Heinrich Geissler in Auftrag gegeben worden war und jetzt vorgelegt wurde. Es ist nicht die erste Untersuchung dieser Art; auch für einige andere. deutsche Länder oder Städte hatte man die Situation der Alten prüfen lassen. Neu und überraschend ist die Feststellung, daß die alten Menschen ihre Situation sehr viel günstiger empfinden, als es die Gesellschaft (aus Angst und schlechtem Gewissen) tut.

Neu ist, daß man den in der anglo-amerikanischen Altersforschung entwickelten Index der variablen Lebenszufriedenheit, den LSI, ermittelt hat; und überraschend ist, daß dieser Index sehr hoch liegt. Der recht umständlich zu errechnende LSI bestätigt die Richtigkeit der von gut 85 Prozent der Befragten gemachten Angabe: "Wir sind mit unserer jetzigen Lage zufrieden."