Bonn, im April

Die Geschichte der Kandidatenauslese für den neuen Bundestag ist in diesem Jahr die Geschichte vom Aufstieg unbekannter und vom Fall bekannter Bewerber. Mit einer Mischung aus Stolz und Verwunderung verfolgen die Bonner Parteioberen, was Wochenende für Wochenende auf den Delegiertenversammlungen abrollt, die über Direktkandidaten und Landeslisten entscheiden. Stolz bewegt sie, weil sie mit offenen Rennen und mit Überraschungssiegern aufwarten können. Stand die Auslese der Parlamentskandidaten bisher nicht oft im Rufe der Manipulation, undurchsichtiger Händel und einer Kameraderie derer, die schon immer am Zuge gewesen waren?

Freilich ist ebenso Betroffenheit im Spiel, weil es Entscheidungen gibt, die sich dem Kalkül und den Wünschen der Parteizentralen völlig entziehen. In begrenztem Umfang proben die Mitglieder den Aufstand. Dabei kommt ihnen zugute, daß die politische Gründergeneration der Bundesrepublik fast ausnahmslos ein ehrwürdiges Alter erreicht hat. Schon deshalb läßt sich dem Verlangen nach Ablösung kaum etwas entgegensetzen, und von Legislaturperiode zu Legislaturperiode vollzieht sich der Generationswechsel um so schneller und drastischer, als sich in der mittleren Altersgruppe die Lücken, die der Krieg in sie gerissen hat, überall bemerkbar machen.

Im Wahlkreis Heidelberg-Stadt zum Beispiel war bei der CDU für die Nachfolge des 66jährigen Professors Eduard Wahl, der seit 1949 im Bundestag sitzt, der 64jährige New Yorker Generalkonsul Curtius, Glied der weitverzweigten Gelehrtenfamilie, in Aussicht genommen. Die Delegierten aber entschieden sich für eine radikale Verjüngungskur. Sie hoben den knapp 30jährigen Peter Molt auf den Schild, einen der beiden Geschäftsführer des Deutschen Entwicklungsdienstes.

Der Vorzug, Abgeordneter der ersten Stunde zu sein und im Laufe zweier Jahrzehnte einen außerordentlichen Erfahrungsschatz gespeichert zu haben, fällt kaum noch ins Gewicht. Diese Lektion spürte am deutlichsten der Vorsitzende des außenpolitischen Bundestagsausschusses, Hermann Kopf, der für die CDU seit 1949 den Wahlkreis Freiburg vertritt. Weder der Hinweis auf seine Anciennität noch auf seinen Sachverstand und schon gar nicht auf seine unangefochtene Kandidatur und Wahl durch fünf Legislaturperioden hindurch bewahrten ihn vor der Niederlage. Sie fiel mit 51 zu 35 Stimmen für seinen Rivalen, den 44jährigen Stadtkämmerer Hans Otto Evers, sogar recht eindeutig aus.

Der Mehrheit der von den CDU-Mitgliedern im Stadt- und Landkreis Freiburg entsandten Delegierten war, dies scheint das Hauptmotiv gewesen zu sein, das Hemd näher als der Rock: Sie schlugen den Nutzen für ihren Wahlkreis des mit allen außenpolitischen Feinheiten, weniger aber mit Lokalproblemen vertrauten Abgeordneten Kopf nicht so hoch an wie den des Stadtkämmerers. Von ihm hoffen sie, daß er für die aus den Nähten platzende Freiburger Region in Bonn einiges herausholt.

Daß Verdienste in der Lokalpolitik und intensive Parteiarbeit am Ort häufig mehr zählen als Meriten auf dem Bonner Parkett, hat auch Annemarie Renger (SPD) erfahren müssen. Einigermaßen paradox ist dieser Fall deshalb, weil Frau Renger, zuletzt über die schleswig-holsteinische Landesliste in den Bundestag eingezogen, sich nun um die Direktkandidatur im Bonner Wahlkreis bewarb. Die sozialdemokratischen Wahlmänner dieses Stimmbezirks hatten ihr Wirken im Parlament gewiß besser und unmittelbarer vor Augen als seinerzeit die Genossen im fernen Kiel. Doch diese räumliche Nachbarschaft nutzte der Kandidatin so wenig wie ihre prominente Rolle auf der Bundesbühne. Annemarie Renger, einst Privatsekretärin Kurt Schumachers, Abgeordnete seit 1953, Mitglied des SPD-Fraktionsvorstands, hatte das Nachsehen gegenüber einem Bonner Stadtverordneten, der den lokalen Größen vertraut, dem Bonn der Bundespolitiker hingegen so gut wie unbekannt ist.