Von Martin Gregor-Dellin

Wenn ein Mensch im ersten Jahr des Dreißigjährigen Krieges geboren wurde, und er wurde nur dreißig Jahre alt, dann mußte er denken ... Milliarden! dachte er, Milliarden! Dies ist keinesfalls eine Tegtmeier-Pointe Jürgen von Mangers, sondern entstammt den revolutionären Monologen über "die Möglichkeit des Menschen, seine grenzenlosen Möglichkeiten des Brüderlichen", die wir einem Großdenker unter den Romanfiguren der Gegenwart verdanken. Er liegt in der Schweiz dem Verzehr seines Gelds, den Frauen und der Suche nach einem Lebenssinn ob, wobei er sich von den Erzählzeiten offenbar ebenso verwirren läßt wie von der Dauer des Dreißigjährigen Krieges: "Er tastet sich wieder in die Nähe der grauenhaften Dimensionen", heißt es, "vor denen er jedesmal fassungslos wurde. Und dort kippte er um, beendete jedesmal sein Denken und suchte den Ersatz, suchte nach einer Frau, getrieben von dem unstillbaren Hunger nach der Minute des glückseligen Zustandes."

Diesen glücklichen Zustand fand oder findet unser Held, John Edwards, auf der Suche nach dem Paradies in den Betten verschiedener Damen – Ehefrauen, Töchter und Gespielinnen – in dem Säufer- und Künstlerdorf Verbania (Marke Ascona, Tessin). Dolce vita? Pornographie? Die Erwartungen auf Pornographie seien sanft gedämpft, denn so saftig die Stilblüten, so verkrampft und verklemmt sind die diversen Nackt- und Bettszenen, denn auch sie scheinen zu den grauenhaften Dimensionen zu gehören, vor denen Edwards – oder sein Autor Henry Jaeger – jedesmal fassungslos wird: "Klammernd hielt sie sich an ihm fest und stöhnte in seinen Mund hinein." Oder: "Er fragte leise. Sie seufzte lang ausatmend." Oder, welche Kostbarkeit von delikater Andeutung: "Von Laura hatte er in manchen Nächten mehr gesehen, als ihre Mutter über sie wußte."

Eine Nacht-, Nackt- und Badeparty zwischen fünf Damen und einen dicken Herrn geht so aus: "Die Frauen waren noch offen, warteten noch, gössen sich Whisky ein, bewegten sich, als wären sie bekleidet." Wo waren sie dann offen? Noch andere Fragen sind aufzuwerfen: Handelt es sich nur um vereinzelte sprachliche Entgleisungen, oder liegt hier ein besonders erschütternder Fall von Ausdruckslosigkeit vor? Das dürfte nicht nur behauptet, das müßte bewiesen werden. Denn anders ist dem Buch

Henry Jaeger: "Der Club", Roman; Droemersche Verlagsanstalt, Zürich; 344 S., 19,80 DM

überhaupt schwer beizukommen. Einige Kritiker, wie der kluge Vormweg, haben in ihrer Hilflosigkeit versucht, den Roman als "maßgeschneiderten Bestseller" abzulegen. Dem muß widersprochen werden. An diesem Buch ist nichts maßgeschneidert. Es hat weder Figuren aus Fleisch und Blut noch eine handfeste Fabel und daher auch keine Spannung. Man lese den oft unterschätzten Willi Heinrich, vergleiche, was bei ihm an Cleverness, Handwerk, Psychologie und Charakterzeichnung zu den einfachsten Voraussetzungen gehört, um zu verstehen, warum ich in diesem Fall das Genre des Unterhaltungsromans mit allem Nachdruck in Schutz nehmen möchte. Hier sollen keine falschen Maßstäbe angelegt werden.

Jaeger stellt seinem Buch ein zweiseitiges Vorwort voran: "Der Schriftsteller befaßt sich im Roman nicht nur mit Tatsachen, sondern mit ihrer Auswahl." Verbania, heißt es, sei ein Zustand. Verbania gibt es nicht, gibt es doch: denn der "Eingeweihte wird unschwer erkennen, daß Ascona am Lago Maggiore als Muster gedient hat". Der Leser erkennt es spätestens an der Figur des Literaten Melting, hinter dem sich geschmackloserweise Walter Mehring verbergen dürfte. Der Emigrant trägt seine Thesen auf Partys "mit fanatischem Gesicht" vor, zum Beispiel: "Der Schriftsteller und Dichter ist berechtigt, der Richter seiner Zeit zu sein." So sind sie.