Von Jürgen Petersen

Wer von Franken spricht, meint Nürnberg, Rothenburg, Dinkelsbühl, mittelalterliche Städte, gut erhalten, sorgfältig gepflegt. Zu Ostern oder Pfingsten unternimmt man eine Kunst- und Bildungsreise dorthin. Man besucht Franken, aber Urlaub macht man woanders. Der Landschaft fehlen die kräftigen Reize des Hochgebirges und der See. Das Land ist ohne modische Strände und internationale Festivals.

Franken ist als Ferien- und Erholungsgebiet noch nicht erschlossen, die geruhsame Landschaft, die Dörfer sind beinahe unberührt. Viel besungen, wenig bekannt: das ist Franken. Das soll jetzt anders werden.

Franken ist groß, es reicht vom Fichtelgebirge bis zum unteren Main. Da gibt es unterschiedliche Farben. Um das Bild einzugrenzen: Mittelfranken südlich von Nürnberg, das Land zwischen der katholischen Bischofsstadt Eichstätt und dem protestantisch-preußischen Ansbach – das allein ist schon eine weite Szenerie. Aber in der "Grundstruktur" ist sie übereinstimmend: kein reiches Land, Abwanderungsgebiet.

Im Osten zieht fern die Autobahn München – Nürnberg vorbei, die Landstraßen dienen den örtlichen Verbindungen. Die Bundesstraße 25 heißt "Romantische Straße", um ihren veralteten Zustand zu verschleiern – sagen grimmige Einheimische.

Wer es nicht eilig hat, der wandert; auch mit seinem Wagen kann er das, besinnlich wie einst die Scholaren. Als Zwischenlösung gibt es das Fahrrad. Am besten führt man ein Klapprad im Auto mit. Auf einer stillgelegten Strecke im Altmühltal verleiht die Bundesbahn Räder, die man an jeder Station wieder abgeben kann. Der Omnibus mit Journalisten machte neben der Schranke einer ländlichen Bahnstation halt, wir wurden eingeladen, eines der funkelnden Fahrräder zu besteigen, die dort bereitstanden. Ein Dutzend schlanker und beleibter Männer rollte die fünf Kilometer bis zur nächsten Ortschaft, während der Bus langsam folgte: Plötzlich schmeckten wir die Landschaft, rochen Erde und Flußwasser und sammelten Sauerstoff in den Lungen.

Das Tal, uraltes Siedlungsgebiet, zeigt die Grundmerkmale der Landschaft. Das windungsreiche, gemächlich (manche sagen: bergauf) fließende, fischreiche Gewässer strebt umständlich nach Osten, der Donau zu, in die es sich bei Kelheim ergießt. Die ruhevolle Altmühl ist von sanften Waldrücken und Jurafelsen begrenzt. Viele Orte sind noch als römische Gründung erkennbar: Pfünz mit seiner Römerbrücke, Walting und Gungolding, 895 zuerst genannt. Der Limes kreuzt bei Kipfenberg das tiefeingeschnittene Tal, hier standen drei römische Wachtürme. Mittelalterliches haben auch Landstädte wie Ornbau und Ellingen, Mörnsheim und Pappenheim, Dollnstein und Solnhofen mit seinen Kalksteinplatten und schließlich Eichstätt, die geistliche Barockstadt, im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden zerstört, weil sie zur Kirche hielt, die Stadt des Hofbaudirektors Gabriel de Gabrieli, der das bischöfliche Palais baute und den Residenzplatz mit anderen Architekten entwarf, und seines Bruders Franz Gabrieli, dessen Stuckaturen vor allem der Sommerresidenz das Gepräge geben: beste Beispiele der Epoche.