Die Angst vor China wird zum Trauma – Späte Rechtfertigung der amerikanischen Domino-Theorie

Von Peter Grubbe

Seit Jahren demonstrieren Studenten in Europa und Amerika gegen den "schmutzigen Krieg" in Vietnam, gegen die Anwesenheit amerikanischer Soldaten in Südostasien. Seit Monaten bemühen sich Diplomaten in Paris um eine Beendigung des vietnamesischen Krieges. Und seit Präsident Nixon an der Regierung ist, sucht Washington mit Rücksicht auf die Kosten nach Mitteln und Wegen, um die Zahl der amerikanischen Truppen in Vietnam zu verringern. Aber je konkreter die Chancen dafür werden, desto nervöser werden die Nachbarländer Südvietnams.

Solange feststand, daß die Amerikaner in Vietnam bleiben, konnte man in Südostasien die Parole hören: "Ami, go home!" Seitdem die Möglichkeit besteht, daß Washington eines Tages diese Forderung erfüllt, ertönt immer lauter der Ruf: "Ami, bleib hier!"

Am deutlichsten wird dieser Wandel in Kambodscha. Kambodscha hat vor vier Jahren die Beziehungen zu Südvietnam abgebrochen, nicht zuletzt aus Protest gegen die Stationierung amerikanischer Truppen und gegen die amerikanische Kriegführung in Südvietnam. Prinz Sihanouk, der Kambodscha praktisch seit über einem Vierteljahrhundert regiert und zu den Exponenten einer blockfreien Politik gehört, war bisher einer der schärfsten Kritiker der Amerikaner. Er hatte sogar die diplomatischen Beziehungen zu Washington abgebrochen und die Reste abgeschossener amerikanischer Flugzeuge und Panzer als Triumphdenkmal in seiner Hauptstadt aufstellen lassen.

Das Denkmal steht noch. Und nach wie vor gibt es eine amerikanische Botschaft in Pnom Penh. Aber seit man in Südostasien ernsthaft mit einem Abzug der Amerikaner rechnet, plädiert Sihanouk für ihr Verbleiben. Zwar will er amerikanische Truppen nicht in Kambodscha haben, für sein friedliches Reisland, in dem noch heute die Fahrradrikscha das gebräuchlichste Verkehrsmittel ist, hält er nach wie vor an einer Politik strikter Neutralität zwischen den Blöcken fest. Aber die Amerikaner sollen in Asien bleiben. Auf die Frage nach dem Grund seiner Sinnesänderung erklärte er in hartem Französisch: "Ich brauche einige Trumpfkarten, um das politische Gleichgewicht in Asien aufrechtzuerhalten."

Hinter dieser abstrakten Formel stehen konkrete Erfahrungen. Kambodscha hat in den letzten Jahren nicht nur amerikanische Flugzeuge erlebt, die bei der Verfolgung des Vietcong über die Grenze hinweg kambodschanische Dörfer beschossen. Neuerdings tauchen, vor allem in den Nordprovinzen des Landes, die an Laos grenzen, kommunistische Agenten auf, die von Hanoi oder von Peking gesteuert werden und die versuchen, in der kambodschanischen Bevölkerung Unruhe zu schaffen und nach Möglichkeit sogar Partisanengruppen zu gründen. Als Gegengewicht gegen sie "braucht" Sihanouk die Amerikaner.