ARD, Dienstag, 15. April: "Komm, flüstere in mein gutes Ohr"

Die Realität und die Welt der Fiktion sind nicht mehr, das lehrt jede Woche am Bildschirm, im Sinne von Poesie und Prosa zu trennen. Während die Dokumentation, mitten in der sogenannten Wirklichkeit, die Traumelemente nachweist: exzessive Räusche, makabre Kleinbürgerseligkeiten und Entwürfe einer besseren Welt, vorgeführt morgens um 4 Uhr 30 in der Wohnküche eines Proleten – während sich die Beschreibung des Alltags mehr und mehr Faulknerscher Sprünge, Umkehrungen und Ungereimtheiten bedient, bewegt sich das erfundene Spiel vielfach noch immer in den strengen Bahnen des Naturalismus, grelle Kriminalstorys werden mit der Betulichkeit Gustav Freytags erzählt...

Und was die Menschen angeht, so begegnen dem Betrachter am Bildschirm zumal im Gebrauchsstück wie Anno dazumal die berühmten Figuren aus Fleisch und aus Blut, Balzacs Urenkel, die es zum Schmerz mancher Kritiker in Wirklichkeit überhaupt nicht mehr gibt. (Statt Bendix Grünlich der Konsument X mit der Bildzeitung und verwegenen Träumen.)

Aber dann plötzlich, man hat (zwischen Pauls Party und der Fernsehgalerie Berlin) schon nicht mehr damit gerechnet, kommt so ein Zweipersonenstück daher, mit Platte und Lüders, die spielen zwei alte Clochards, und siehe da, die Prosa und die Poesie verschwistern sich, die Realität gewinnt parabolische Anschaulichkeit, und das Spiel macht, zart und grotesk, eine Gesellschaftssituation transparent. Sie redeten und redeten, Platte und Lüders, eine Stunde und mehr, aber es hätten von mir aus auch drei Stunden sein können, denn was sie da sagten, der schwule Charlie und der suchtgeheilte Max, der seit 35 Jahren seine Freundin in einer Anstalt besucht... die Geständnisse, die sie sich machten, ihre Schnurren und Belanglosigkeiten – beide arm, beide Weihnachtsmänner im Warenhaus; mit Bart beim Essen der eine, der andere ohne –, das alles gewann durch den Bezug zu dem Dings da, dem Revolver, mit dessen Hilfe sie sich davonstehlen wollten, eine faszinierende Ambivalenz.

Und dann die Gesten! Die Manier, mit der Lüders-Max den Druckknopf seines Portemonnaies bediente, endgültig und sorgsam zugleich – verratend, daß er es sonst liebevoller täte, andeutend, daß es das letztemal sei! Vor dem Hintergrund des beschlossenen Todes (der dann nicht kam; die Penner schlurften zurück ins Asyl) erhielten die lächerlichen, weder tiefsinnigen noch zu bedeutungsträchtiger Umkehr einladenden Sätze – "ich habe überhaupt gar keinen Sohn", "hattest du als Weihnachtsmann auch immer Mostrich im Bart?", "da sah ich, wie sich in ihrer Hand das Küchenmesser bewegte" – die Tiefenschärfe der Realität.

Gespräche ohne Anfang und Ende, Konfessionen der Ausgespuckten, beiläufige, unsentimentale, poetische Reden. Eine sanfte Etüde über den Begriff der Entfremdung. Ich fand’s nicht weinerlich, sondern eher zum Heulen, diese Geschichte vom blinden Charlie und vom Granatäpfel zerteilenden Max. Platte und Lüders, jeder hervorragend, waren als Paar unüberbietbar. Momos