Von Werner Dolph

Garmisch-Partenkirchen

Herr A. in Garmisch-Partenkirchen, gegen 22 Uhr und mit Gattin, betrat den Gastraum des renommierten Hotels. Er ließ sich an einem Tisch nieder und bat um die Getränkekarte. In dem "führenden Fremdenbeherbergungsbetrieb" des Ortes bestellte er eine Flasche "1966er Erbacher Markobrunn Riesling Spätlese", Preis 18,50 Mark. Der Kellner nahm die Bestellung entgegen, begab sich in den Keller, fand dort eine Temperatur von 15 Grad Celsius vor und nahm eine Flasche "1966er Markobrunn Riesling Spätlese" vom Regal. Er stellte sie in einen Sektkübel, in welchem schon Wasser mit Eisstückchen plätscherte und servierte das Ganze dem Gast. Damit legte er den Grundstein zu diesem Prozeß.

Der Gast nämlich war nicht irgendwer, sondern Herr A., ein Kenner. Deshalb monierte er, der Wein sei zu warm. Der Kellner, das war ihm noch nicht vorgekommen, holte den Oberkellner. Dieser, nach kurzer Debatte, legte dem Gast die Frage vor, ob er denn glaube, "daß unser Wein im Eisschrank liegt". Der Gast, wie gesagt ein Kenner, erhob sich wortlos und verließ, noch immer mit Gattin, das renommierte Lokal. Später erwies er sich als Kenner auch der Jurisprudenz.

Zurückgeblieben war die 1966er Spätlese. Vor dem Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen verlangte die Wirtin Bezahlung der 18 Mark 50. Das Amtsgericht, nach Erörterung über Wesen und Sinn von "Gastaufnahmevertrag" und damit verbundenem Weinkauf, kam schließlich zur Sache. "In einem gepflegten Gasthaus oder Hotel legt der Gast in der Regel gerade auch auf den guten Service besonderen Wert"; lautete seine Erkenntnis. Fehlt es daran in auffälliger Weise, so ist der Gast zur "fristlosen Kündigung" sowohl des allgemeinen "Gastaufnahmevertrages" als auch des damit zusammenhängenden Kaufvertrages berechtigt. Welchen Service ein Gast mit Fug erwarten darf, hängt vom "Zuschnitt" des Etablissements ab. Denn: "Der Service in einer Vorstadtkneipe ist ein anderer als in einem renommierten Hotel."

Im führenden Haus am Platze durfte Herr A. das Beste erwarten. Das Amtsgericht bestätigt, daß es daran gefehlt hat. Der Richter, zur größeren Sicherheit, versicherte sich der Hilfe eines Sachverständigen. Nach dessen Expertise ist es in erstklassigen Häusern nicht üblich, Wein in Sektkübeln zum Gast zu tragen. Mit dem Sachverständigen ist das Gericht weiter der Meinung, "daß Weißweine deutscher Herkunft mit einer Temperatur um 10 Grad serviert werden sollen". Je nach Jahreszeit will der Richter allenfalls eine Bandbreite von 8 bis 12 Grad akzeptieren. Mit 15 Grad, war der Wein eindeutig zu warm.

Mit solchen Forschungsergebnissen konfrontiert, hatte, die Wirtin erwidert, im Sektkübel hätte der Wein die vorschriftsmäßige Temperatur zweifellos noch erreicht. Herr A., wenngleich ein Kenner, hätte da eben noch warten müssen. Der Richter sah das geltende Recht anders. "In einem gepflegten Hotel", bekannte er, "muß Wein mundgerecht serviert werden. Der Gast braucht sich nicht darauf verweisen lassen, zu warten, bis der Wein im Sektkübel die richtige Temperatur erreicht hat." Ergebnis: nach dem unpassenden Sektkübel ist "zu Lasten der Klägerin... abermals ein Servicemangel festzustellen".