"Toller", das Bühnenspiel des Schriftstellers Tankred Dorst über die Münchner Räterepublik, ist durch das am Montag gesendete Fernsehstück "Rotmord" einem größeren Publikum bekanntgeworden. Für ein paar Minuten kam in dieser Sendung Rosa Meyer-Leviné zu Wort, die Witwe des 1919 zum Tode verurteilten und hingerichteten Kommunistenführers Eugen Leviné. In einem nachstehend veröffentlichten Briefwechsel mit Tankred Dorst hat sie Bedenken gegen einige Verzerrungen erhoben, die dichterische oder dramaturgische Freiheit dem Bild ihres Mannes widerfahren ließ.

In ihrem Bemühen, Leviné als einen humanitär denkenden, dem Unrecht und der Gewalt abholden Freiheitshelden darzustellen, zieht sie zu seiner Rechtfertigung die russische Revolutionsgeschichte heran und verliert dabei ganz aus dem Blick, daß gerade das Attentat auf Lenin der Auftakt zu einem hemmungslosen Terror der Tscheka gewesen ist. Auch ist die Verantwortlichkeit für den Zarenmord keineswegs so klar, wie sie meint.

Aber sie hat recht mit ihrer Verteidigung der frühen KPD, die auf ihrem Gründungsparteitag 1919 bewußt vom russischen Vorbild abgewichen ist und, nicht zuletzt unter dem Einfluß von Rosa Luxemburg und eben auch Eugen Leviné, den Terror als politisches Mittel verworfen hat. "Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie haßt und verabscheut den Menschenmord", heißt es im Programm. Freilich bedeute dies nicht, daß sich die Arbeiterbewegung widerstandslos vom "weißen" Terror überrennen lassen wollte.

Nahezu fünfzig Jahre lang hat es eine einseitige Geschichtsschreibung vermocht, daß der großen Mehrheit unseres Volkes von der Münchner Räterepublik allenfalls der sogenannte Geiselmord im Gedächtnis geblieben ist, begangen an Mitgliedern der antisemitisch-völkischen Thulegesellschaft, der auch einige der führenden Nationalsozialisten angehörten. Der hundertfach schlimmere Terror der Freikorps und der Klassenjustiz wurde zumeist verschwiegen. Daß unser Geschichtsbewußtsein von diesen lange übersehenen braunen Flecken gereinigt werde, dazu hat Tankred Dorst seinen Teil beigetragen, und dazu ist auch diese Korrespondenz nütze. K. H. J.

Eton College Rd. London N. W. 3

Lieber Tankred Dorst.

Vielen herzlichen Dank für Ihren "Toller". Ich habe ihn natürlich mit größtem Interesse gelesen und mich dabei besonders gefreut, daß ein Stück dieser Art in Deutschland solchen Anklang findet. Ich gratuliere Ihnen aufrichtig zu dem verdienten Erfolg. Sie werden verstehen, daß die Gestaltung von Leviné von besonderer Bedeutung für mich ist und hoffe, Sie werden mir einige Einwände nicht verübeln.