Die Zeitschrift sieht flott aus: großes Format, feiner Tiefdruck, attraktive bunte Bilder. Zum Beispiel sitzen da auf einer grünen Wiese ein kleines blondes Mädchen und ein kleines dunkelhäutiges Mädchen und sind in den Anblick gelber Dotterblumen versunken; im Bild daneben blickt eine dreckige kleine Rotznase aus einem Fenster. Bildunterschriften: "Wenn diese subtile Art des britischen Vorurteils nur so ein bißchen bösartig wird ..." – "... wie schade, daß eine der zwei Schwestern Emigrant genannt wird."

Die Zeitschrift heißt "Help". Sie erscheint seit gut einem Jahr in London, Vorbilder: hat sie keine. "Help" ist auch nicht am Kiosk zu haben, man bekommt sie nur im Abonnement. Es soll niemand an ihr verdienen.

Titel und Titelbilder stellen ein Programm dar. "Help" will helfen – allerdings in einem Stil, der das Wohlfahrtsdenken vergangener Jahrhunderte weit hinter sich läßt und manche ergraute Fürsorgerin das Gruseln lehrt. "Help" will helfen – aber das Blatt bittet nicht um Almosen und predigt kein Nett-zueinander-Sein, sondern es versucht, den Einzelnen zur Aktivität zu reizen.

Am Anfang war die Idee, war auch das Geld. Um das erste zu verwirklichen und das zweite zu erhalten, gründeten zwei Engländer Anfang 1967 die "Community Publications Group Ltd". Es waren Group Captain Leonard Cheshire, der nach dem Krieg eine weltweite private Organisation für Körperbehinderte aufgebaut hatte, und Richard Exley, der als freiwilliger Helfer in Südafrika gewesen war. Beiden gelang es, die "International Publishing Corporation" zu interessieren, in der an die zweihundert britische Zeitungen und Zeitschriften, darunter der "Daily Mirror", zusammengeschlossen sind. Der Verlag stellte zu großzügigen Bedingungen das Anfangskapital. "Help" erscheint alle drei Monate; zur Zeit werden etwa 10 000 Exemplare verkauft.

Die wenigsten in der Redaktion sind vom Fach. Ein Redakteur war früher Vorsitzender der südafrikanischen Arbeitslager, ein anderer arbeitete beim "London Look". Dann gibt es noch etliche freie Mitarbeiter, zum Beispiel Kim Redford, der den Premierminister bei einem Methodisten-Gottesdienst einen Heuchler genannt hatte. Seine ständige Kolumne macht deutlich, was an dieser Zeitschrift so neu ist. Man brauchte sich nur vorzustellen, eine private deutsche Hilfsorganisation gäbe ein Blatt heraus, auf dessen erster Seite unter der Überschrift "Zur Verteidigung des Extremismus" über Tomaten, rote Farbe und Napalm geschrieben und die (hier sicherlich "britische") Schlußfolgerung gezogen würde, daß Napalm "irgendwie unfreundlicher und besser haftend" sei als rote Farbe.

Eben das will "Help": Kritik an der Gesellschaft üben und nicht bloß an Erscheinungen, die unter dem Rubrum "Soziales" stattzufinden pflegen. "Help" informiert auch im voraus über Protestmärsche. Doch bevor Barrikaden errichtet werden, möchte diese Zeitschrift sich am Gegenteil versuchen: nämlich Mauern einzureißen. Sie will über das berichten, was Journalisten normalerweise wenig zu interessieren pflegt, will die Umwelt unter die Lupe nehmen, in der man täglich viele Stunden zubringt, ohne sie wahrzunehmen. "Sind wir so verrückt, uns eine Gesellschaft zu wünschen, wo sogar Supermärkte anmutig und schön sind?" Nun, "Help" ist so verrückt, "Help" will die Gesellschaft verändern: Die Zeitschrift rüttelt am Establishment, der Humor trieft schwarz, vor allem aber: sie handelt, weil ihr Kritik allein nicht genügt.

Sie hatte beispielsweise versprochen, die menschliche Umgebung, kritisch zu betrachten. "Die U-Bahn ist häßlich", hieß es, "ändert sie!" Es folgten viele Anregungen, man zeigte das bunte Modell, das eine Gruppe moderner Industrie-Designer entworfen hatte, und druckte einen Aufruf zur Selbsthilfe. Für den besten Vorschlag wurden fünfzig Mark geboten. Fett gedruckte "letzte Meldung" am Ende des Artikels: Die Verantwortlichen hätten einen zentralen Londoner U-Bahnhof ohne Bedingungen für eine Nacht zur Verfügung gestellt.