Köln

Wenn 250 Münchner sich bereitfinden, eine "Arbeitsgemeinschaft zur Gründung eines kooperativen Familienverbandes" zu unterstützen, einen Familienverband, der laut Satzung "die Auflösung der üblichen Kleinfamilienstruktur zugunsten einer rentableren und produktiveren größeren Gruppe zur Erleichterung persönlicher Kontakte und der Kommunikation" anstrebt; wenn im Republikanischen Club Köln statt der erwarteten dreißig Interessierten 150 kamen, um die Gründung einer Großfamilie vorzubereiten; wenn Fernsehen und Presse sich dieses Themas ausführlich annehmen; die SPD-Zeitung "debatte" gar eine Leserumfrage zu dem "gewagten Experiment: Ehekommune" startet, so scheint dies symptomatisch für ein wachsendes Unbehagen an den herkömmlichen Formen des Zusammenlebens.

In Köln hat sich nun, unabhängig von den Kommuneplänen im Republikanischen Club, die Diskussion um die überkommenen Wohn- und Lebensformen zu einem Projekt verdichtet, das den Vorzug hat, verwirklicht werden zu können. In Pfarreien und Kunstgalerien wird dieser Tage ein Faltblatt verteilt, das mit einem Wohnprojekt bekannt macht, welches auch jene Probleme baulich und organisatorisch lösen will, die in der Auseinandersetzung um die Großfamilie immer wieder artikuliert werden. Probleme, die in einem Schlagwortregister der Planungs- und Architekturkritiker unter den Stichworten "grüne Witwe", "Kinderfeindlichkeit der Architektur", "Eigenheimideologie", "Verödung der Innenstädte" und "mangelnde Urbanität" auftauchen.

"Wir wollen die Annehmlichkeiten des Einfamilienhauses mit den vielfältigen Möglichkeiten der City verbinden... Sie können teilhaben an Gemeinschaftsanlagen, die Sie selbst mitplanen dürfen: Schwimmbad, Sauna, Gemeinschaftsräume, Spielterrassen und -räume für Kinder... Die Preise sind niedrig, weil keiner am Bau verdienen will...", so wirbt der Prospekt, der von einem Kollektiv von zwölf Architekten und Statikern, die seit Mitte des vergangenen Jahres unter dem Signum "Bauturm" ein gemeinsames Büro in der Kölner Spichernstraße betreiben, herausgegeben wird. Gemeinsamer Beweggrund dieser Gruppe, einen architektonischen Rahmen für die Neugestaltung des Zusammenlebens zu entwickeln, war – so Erich Schneider-Wessling, Initiator dieses Architektenkollektivs, 37 Jahre alt und Vater von fünf Kindern, der sein Haus im Grünen aufgab, um in die Stadt zurückzuziehen – die "eigene Unzufriedenheit" mit den bestehenden Wohnbedingungen.

Geplant ist ein Wohnhügel mit viel Grün und großen Terrassen, möglichst nahe der City, mit 80 Wohneinheiten für etwa 300 Personen, dessen Gemeinschafts- und Individualzonen so angelegt sein sollen, daß eine Wechselbeziehung zwischen öffentlicher und privater Sphäre sich ausprägen kann, denn dieses "Spannungsverhältnis" kennzeichnet, so meint der Soziologe Bahrdt, das "Städtische" oder "Urbane" einer Ansiedlung. Das Motto, unter dem die Bauturm-Architekten zusammen mit Juristen, Pädagogen und Soziologen, die sich der Planungsgruppe inzwischen angeschlossen haben, arbeiten, heißt dann auch "urbanes Wohnen".

Das Kölner Projekt sucht einen Ausweg aus der Gemeinschafts- und Nachbarschaftsideologie einerseits und der Ideologisierung des privaten Glücks in der grünen Nische andererseits. Daß es vor einem realen sozialen Hintergrund geplant ist, zeigt die um sich greifende Vorstadtverdrössenheit und der zunehmende Wunsch, insbesondere vieler Hausfrauen, in die Stadt zurückzukehren.

"Mir fällt die Decke auf den Kopf. Seit fünf Jahren wohne ich auf dem Dorf, ich kann mich höchstens mal mit einer Verkäuferin unterhalten. Der Mann hat seinen Berufskreis, er drängt gar nicht auf Veränderung. Aber wir Frauen müssen endlich Schritte unternehmen, um unsere Lage zu verbessern." Dieser Notruf einer einst berufstätigen Diplom-Dolmetscherin ist bezeichnend für die Situation, in der sich zahlreiche verheiratete Frauen befinden. Eine Situation, die durch die "intellektuelle Differenzierung und Verselbständigung der Frau" (Mitscherlich) eher komplizierter wird, da diese häufig zu einer Kollision der Hausfrauen- und Mutterpflichten mit dem Wunsch nach beruflicher Entfaltung führt. Doch die Rückkehr in die Stadt fällt schwer: in den Wohnungsannoncen findet sich nur allzuoft der Zusatz "für kinderloses" oder "älteres Ehepaar"; die Kindergärten sind überfüllt, Spielplätze nur nach langen Fußmärschen zu erreichen.